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Wenn Besuch kommt ...

Kolumne: Auf ein Wort – Mag der Besuch noch so willkommen sein, kann er doch zu unvorhergesehenen Problemen führen.

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Wenn meine Eltern Ende der 50er-Jahre am Samstag nach dem Abendessen Besuch bekamen, dann war das auch für meinen Bruder und mich ein Fest. Den Gästen wurde nicht nur Wein kredenzt, (damals äußerst selten im Hause und äußerst süß), sondern auch Salzstangen. Da die Gäste gut erzogen waren, blieb immer ein Rest von Salzstangen übrig. Während die Eltern am Sonntagmorgen lange schliefen, schlichen mein Bruder und ich ins Wohnzimmer und aßen die übrig gebliebenen Salzstangen. Himmel, was für ein Vergnügen.

So ist es bis heute geblieben! Nein, nein, nicht der Sonntagmorgen mit den Salzstangen, sondern wenn Besuch kommt, ist das immer etwas Besonderes, auch für den Magen. Nun hatte die Gattin eine Idee. Unsere Kinder, Schwiegerkinder und Enkel, dazu meine Geschwister, deren Kinder und Enkel sollten zur Nachfeier ihres 70. Geburtstages in Haus und Garten eingeladen werden. Trotz einiger Absagen waren wir am Ende 34 Personen, 13 Kinder 21 Erwachsene.

Das Wetter? Naja, bis 11 Uhr Schauer, dann sollte es trocken bleiben. Um 12 Uhr begann das Fest mit Grillen, um 18 Uhr Heimfahrt für die Gäste. Das Wetter hielt sein Versprechen, der Tag war ein Tag der Lebensfreude. Am Abend aber kam ein Moment, da wäre ich am liebsten geflohen. 5 Personen sollten ursprünglich bei uns im Haus übernachten, 3 im Garten zelten. Kein Problem. Unsere Kinder, die sich auch nicht jeden Tag sehen, die Enkelkinder, alle miteinander waren ein so fröhlicher Haufen, dass sie nicht auseinandergehen wollten.

"Nur morgens Stau im Badezimmer. 9 Kinder, 10 Erwachsene zum Übernachten."Jörg Schlüter

Okay, gegen 22 Uhr entschlossen sich dann doch noch zwei der Kinder, nach Bremen zurückzufahren. Und der Rest? Alle bei uns schlafen? Ich nahm meine Frau zur Seite: "Wir beide ziehen heute Nacht in ein Hotel in Vechta und die Kinder und Enkel sehen zu, wie sie Betten und Matratzen untereinander teilen." Die Gattin schüttelte vehement den Kopf: "Kommt gar nicht infrage. Wer sorgt denn morgen für das Frühstück?" Ich schaute sie konsterniert an. "Na, unsere Kinder werden doch wohl in der Lage sein, beim Bäcker Brötchen zu kaufen, Kaffee zu kochen und den Tisch zu decken!" Nix zu machen. "Raum ist in der kleinsten Hütte, wir schaffen das schon", übernahm sie das Kommando.

115 Quadratmeter das Häuschen, 6 kleine Zimmer, ein Wohnzimmer, plus Küche und Bad. Im Zelt schlafen? Nein, das war dann doch zu kühl. So wurde jeder Raum auf irgendeine Weise zum Schlafzimmer umfunktioniert. Das kann doch nicht gut gehen! Es ging gut. Nur morgens Stau im Badezimmer. 9 Kinder, 10 Erwachsene zum Übernachten. Meiner Frau und mir hatte man, welch eine Freude, das eigene Schlafzimmer gelassen.

Die Ruhe am Sonntagabend war himmlisch. "Das muss ich nächstes Wochenende nicht noch einmal haben", flüsterte ich meiner Frau ins Ohr und umarmte sie. Sie löste sich sanft, ging zum Bücherschrank, holte eine Bibel hervor, in ihren Augen blitzte der Schalk. "Tja, Herr Pastor, lesen Sie mal 1. Petrusbrief, 4, 9." Nun kenne ich zwar so einige Bibelstellen aus dem Kopf, aber diese nicht. Ich schlage die Heilige Schrift auf und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf. Was steht da? "Seid gastfrei ohne Murren."


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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