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Weltreise vor dem Berufsstart: Einfach dem Bauchgefühl folgen

Die 26-jährige Friesoytherin Lena Höster will Lehrerin werden, um Kinder zu begleiten, die Hilfe brauchen. Den Start ins Berufsleben hat sie aufgeschoben, um für ein Jahr durch die Welt zu reisen.

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Deutsche Lehrerin mit brasilianischen Schülern: In einem brasilianischen Elendsviertel unterrichtete Lena Höster (Mitte) Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren.  © Höster

Deutsche Lehrerin mit brasilianischen Schülern: In einem brasilianischen Elendsviertel unterrichtete Lena Höster (Mitte) Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren.  © Höster

Ihr Masterstudium für das Lehramt an Haupt- und Realschulen hat Lena Höster schon vor über einem Jahr abgeschlossen. Eigentlich könnte sie jetzt mitten im Referendariat stecken. Wenn da nicht dieser Reisedrang wäre. Und so versucht sie, Berufswunsch und Abenteuerlust zu verbinden – wenn möglich auch in Zukunft.

Hinter ihrem Berufswunsch steckt ein klares Ziel. "Ich will Lehrerin sein, um pädagogische Arbeit zu leisten und eine Lernbegleiterin für Kindern zu sein, die viel Begleitung nötig haben", sagt die 26-Jährige. Vor allem an Hauptschulen gebe es viele Kinder, die zu Hause nicht die erforderliche Unterstützung erhalten, hat sie festgestellt "Das kann man als Lehrer zwar nicht ersetzen, aber doch in gewissem Maße ausgleichen", ist sie sich sicher.

Nach dem Studium zog es Lena nicht in den Schuldienst, sondern in die Welt

Den Respekt vor der pädagogischen Arbeit und ihrer Bedeutung hat sie während ihrer Schulzeit an der Realschule bekommen, das Abitur am Wirtschaftsgymnasium der Berufsbildenden Schulen Friesoythe hat ihr dann den Weg zum Lehramtsstudium an der Universität Osnabrück geebnet. Doch anders als die meisten ihrer Freundinnen und Kommilitoninnen zog es Höster nach dem Abschluss nicht sofort in den Schuldienst, sondern in die Welt.

Schuld daran ist auch das Studium. Englisch und katholische Religion will Höster später unterrichten, und im Englischstudium ist ein Auslandsaufenthalt in einem englischsprachigen Land vorgeschrieben. Da sie schon als Teenager unbedingt in die USA wollte, hat sie sich für ein viermonatiges Praktikum an einem US-College entschieden. "Danach bin ich dann 2 Monate lang mit meinem damaligen Freund durch die USA gereist, und dabei habe ich Blut geleckt", erzählt sie.

"Sightseeing ist ohnehin nicht so mein Ding. Ich kann nicht besonders lange ohne eine Aufgabe sein."Lena Höster, angehende Lehrerin

Von da an war die Studentin in nahezu allen Semesterferien unterwegs, finanziert durch Nebenjobs während des Semesters oder durch Jobs im Ausland. In Malta und Spanien etwa arbeitete sie als Betreuerin und Englischlehrerin in Feriencamps für Jugendliche. "Sightseeing ist ohnehin nicht so mein Ding", hat sie festgestellt. "Ich kann nicht besonders lange ohne eine Aufgabe sein."

Nach dem Studium dann die Entscheidung. „Dieses kleine bisschen Reisen war es noch nicht“, beschloss Höster. "Jetzt nehme ich mir ein Jahr Auszeit." Die Eltern waren anfangs skeptisch, erzählt sie, "aber irgendwann haben sie gemerkt, wie glücklich ich war, und sich mit mir gefreut." Den Entschluss zu Auszeit fasste sie im November 2019, am 4. März 2020 ging der Flug nach Israel.

Quarantäne, Sabbat und Pesschfest

Schon auf dieser ersten Etappe begann sie, Berufswunsch und Reise miteinander zu verbinden. "Ich hatte mit der jüdischen Religion nie irgendwelche Berührungspunkte", erzählt Höster. In Israel wollte sie deshalb das Judentum kennenlernen, um später in ihrem Unterricht aus eigener Erfahrung sprechen zu können. "Ich bin deshalb für 10 Wochen als Haushaltshilfe und Englischlehrerin zu einer jüdischen Familie gezogen", erzählt sie. "14 Tage Quarantäne, danach aber auch Sabbat und jüdische Feiertage wie etwa das Pessachfest mit all ihren Traditionen inklusive."

Nach einem einmonatigen Roadtrip durch Israel ging es dann zurück nach Europa - der Pandemie wegen. "Da hatte ich wenigstens die Chance, wenn nötig schnell nach Hause zu kommen", erzählt sie. Bis November arbeitete sie als Animateurin in einem Club auf der griechischen Insel Mykonos und hatte danach wegen Corona genau 3 Länder als nächste Station zur Auswahl: Afghanistan, Tansania und Brasilien. "Afghanistan war keine wirkliche Alternative, in Afrika gibt es kaum billige Unterkünfte, also bin ich nach Brasilien." Verbindungen dorthin gab es, ein Kollege auf Mykonos stammte aus Rio de Janeiro.

"Ich habe mich einfach immer zu Brasilianern gesetzt und versucht, irgendwie mitzubekommen, worum es geht."Lena Höster, Weltenbummlerin

Am 16. November landete Höster am Zuckerhut, ohne auch nur ein Wort Portugiesisch zu können. "Und mit Englisch kommt man dort kaum weiter", erzählt sie. Also nahm die angehende Englischlehrerin Sprachunterricht auf der Straße, auf Plätzen, im Hostel und mithilfe einer Zufallsbekanntschaft. "Ich habe mich einfach immer zu Brasilianern gesetzt und versucht, irgendwie mitzubekommen, worum es geht", beschreibt sie ihre Lernstrategie.

Die ganz offensichtlich erfolgreich war, denn auch in Brasilien gelang es Höster, Abenteuer und Beruf zu verbinden. In einer Favela, einem Elendsviertel am Rand von Rio, fand sie eine Schule, die ihr einen Job anbot. Auf Portugiesisch sowie mit Händen und Füßen unterrichtete Höster dort Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren – mal Bewegungsspiele mit den Jüngsten, mal Englischunterricht für die Älteren. „Das war eine tolle Zeit, die mir super viel gegeben hat“, erinnert sich Höster. "Ich hatte das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu machen."

Ein Ziel gibt es, der Weg dorthin ist offen

Am 5. März, 366 Tage nach ihrem Abflug, war Lena Höster zurück in Deutschland. Urlaub vom Urlaub macht sie allerdings nicht, derzeit ist sie Aushilfslehrerin an einer Oberschule in Lingen. „Ich brauche einfach eine Aufgabe“, hat sie festgestellt. Bis Ende Juli läuft ihr Vertrag, was danach kommt, ist offen, Pläne will sie nicht schmieden.

"Ich habe in dem Jahr meine Lektion gelernt", sagt sie. "Man kann sowieso nicht alles planen, besser ist es, offenzubleiben und dem Bauchgefühl zu folgen." Ein Ziel allerdings hat sie: Lehrerin an einer deutschen Auslandsschule könnte sich Höster gut als Verbindung von Reiselust und Beruf vorstellen. Der Weg dorthin wird sich finden.

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