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Welcher Pralinentyp sind Sie?

Kolumne: Auf ein Wort – Warum sollte ich nicht auch einmal in der Fastenzeit eine Praline bewusst als gute Gabe Gottes genießen?

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Welcher Pralinentyp sind Sie? Eine ungewöhnliche Frage. Wenigstens für die Menschen, die im Jahre 1959 in einem kleinen Provinzstädtchen leben, irgendwo zwischen Toulouse und Bordeaux. Hier ist zumindest äußerlich alles in bester katholischer Ordnung. Darüber wacht der erzkonservative, bigotte Bürgermeister Reynaud. Seine Gegenspielerin ist die geheimnisvolle Vianne Rocher, die eines Tages eine Chocolaterie eröffnet; und das ausgerechnet zu Beginn der Fastenzeit. Filmfans haben es gleich erkannt: Diese Figuren sind die Zutaten, aus denen der französische Film "Chocolat" besteht. Bürgermeister Reynaud ist geradezu eine katholische Karikatur: lustfeindlich, leibfeindlich, frauenfeindlich. Alles, was er ablehnt, wird verkörpert von dieser Fremden. Vianne verkauft nicht nur Süßigkeiten. Sie weckt Lebensgeister. Und sie erkennt in anderen das ungelebte Leben, die ungeliebte Liebe.

Es gibt eine köstliche Szene, die unseren Bürgermeister in einem Schaufenster zeigt. Es ist ihm nicht gelungen, Vianne zu vertreiben. Also bricht er nachts in den Laden ein. Er will die Schokoladenauslagen verwüsten. Doch da kommt ein kleiner Splitter Schokolade auf seine Lippen: Reynaud schmeckt zunächst; er schluckt und schlingt unaufhörlich weiter. Vollgestopft und erschöpft schläft er inmitten der Süßwarendekoration ein. Diese Schaufensterszene ist ein sprechendes Bild. Sie erzählt von einem, der immer den äußeren Schein wahren wollte. Dafür hat er sogar die eigenen Leidenschaften unterdrückt. Er hat die Liebe zum Leben bekämpft – in sich selbst und in anderen. Seine eigene Schaufensterfrömmigkeit hat ihn bitter werden lassen.

"Meine Fastenzeit fällt diesmal anders aus: Ich setze nicht auf Verzicht, sondern auf Freudenverstärker."Pfarrer Dr. Marc Röbel

Vor allem aber zeigt der Film "Chocolat" Menschen, die den Geschmack des Lebens wiederfinden. Das ist auch für viele von uns im Augenblick ein großes Thema. Das Verzichten kann eine wichtige geistliche Übung sein. Auf der anderen Seite ist die ganze Corona-Zeit von großen Verzichten geprägt. Das führt bei vielen Menschen zu einer ansteigenden Bitterkeit. Meine Fastenzeit fällt diesmal anders aus: Ich setze nicht auf Verzicht, sondern auf Freudenverstärker. Ich stelle mir das so vor: Statt mit Getränken den Durst zu löschen, könnte ich am Abend ein Glas Wein kosten. Statt Musik im Radio mitlaufen zu lassen, werde ich einen Song, eine Symphonie einmal vom Anfang bis zu Ende hören und lauschen.

Oder ich lese jeden Tag mindestens ein schönes Gedicht; einen Gedanken, der mich aufbaut; einen Gebetstext, der mich Gott schmecken lässt. Und warum sollte ich nicht auch einmal in der Fastenzeit eine Praline bewusst als gute Gabe Gottes genießen?

Auch das dankbare Genießen kann eine geistliche Haltung sein. Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar. Nur nicht bitter werden; höchstens zartbitter. Welcher Pralinentyp sind Sie?

Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@ov-online.de

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