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Weiß, weiß, weiß sind meine Privilegien ...

Kolumne: Das Leben als Ernstfall - Gewaltverbrechen wegen der Hautfarbe, Verschwörungstheorien wegen der Religion und Rassismus bei "Kevin - Allein in New York". Wir müssen wieder aufmerksamer werden.

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Die Maßnahmen dauern – notwendigerweise – noch immer an, Geduldsfäden reißen, Verständnis wird weniger. Da ist es nicht einfach, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass es noch andere Probleme gibt. Probleme, über die wir trotzdem sprechen müssen. Wie beispielsweise Rassismus und Hassverbrechen – die auch bei uns in Niedersachsen geschehen.

Gerade erst am Wochenende ist in Hannover ein 25 Jahre alter Mann von Unbekannten überfallen worden – alles deutet darauf hin, dass seine nicht weiße Hautfarbe die Ursache für den Angriff war. Denn die Täter sollen ihn in der Straßenbahn zunächst mehrfach deswegen beleidigt haben. Als der 25-Jährige ausstieg, zu Fuß und Musik hörend den Bahnhof verließ, „erhielt er überraschend einen starken Schlag von hinten in den Nacken, sodass er zu Boden ging. Mindestens 3 verschiedene Personen traten dann mehrfach gegen seinen Körper, wobei sie ihn mehrfach beleidigten“, heißt es in der Pressemitteilung, die die Polizeidirektion Hannover veröffentlichte.

Das Opfer konnte die Angreifer als jene 3 Männer identifizieren, die ihn zuvor in der Straßenbahn beleidigt hatten. So schrecklich. Rassismus hat viele Gesichter. Darum ist es sehr wichtig, uns daran zu erinnern, dass solche Taten keine Einzelfälle sind.

Für ein solches Erinnern steht auch der 27. Januar. An diesem Tag wird  in Deutschland und vielen anderen Ländern der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen gedacht. Denn: Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Seit 2005 wird immer an diesem Tag an die Opfer des Holocaust erinnert.

„Zu unserer Alltagsrealität gehört nicht, dafür gelobt zu werden, dass wir ,aber gut Deutsch' sprechen“Christina Knäblein, Redakteurin

Doch ein Gedenken allein reicht nicht. So berichtet Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Konferenz der Rabbiner, von besorgniserregenden Entwicklungen in jüngster Zeit. „Corona hat das alles verschlimmert, die Hemmschwellen sinken immer weiter, es wird versucht, Geschichte umzuschreiben und zu verharmlosen“, sagt er. Antijüdische Verschwörungstheorien boomten in der Pandemie-Zeit, so Goldschmidt.

Rassismus hat so viele Gesichter. Manchmal auch an Stellen, die wir vielleicht gar nicht bemerken. Wie die völlig fehlgeschlagene Synchronisation des Weihnachtsklassikers „Kevin – Allein in New York“. Anfangsszene: Aufgeregtes Gewusel, Stimmenwirrwarr, Kofferpacken. „Hat jemand meinen Sunblocker gesehen?“ „Wieso fährst du eigentlich nach Florida, wenn du dich mit Sunblocker einreibst?“ Dritte Person: „Mir ist es egal, wenn ich wie ein alter Indianer aussehe – ich lass mich rösten.“ Vierte Person: „Großartig. Neuerdings ist man schon ein Neger, wenn man nur ein bisschen dunklere Haut hat.“ 

Wow. Netflix will den Film jetzt neu vertonen lassen. Damit reagiert der Streaminganbieter auf ein Posting der Schauspielerin Thelma Buabeng, in dem sie auf die rassistische Synchronisation aufmerksam gemacht hat: „Wie kann es sein, dass sich ein deutsches Synchronstudio völlig unnötige rassistische Übersetzungen zu einem Kinder- beziehungsweise Familienfilm ausdenkt. Tatsächlich ausgedacht, denn im englischen Original ist weder die Rede von dem I-Wort noch vom N-Wort“, so Buabeng in dem Post. „Das ist an Ignoranz und Respektlosigkeit gegenüber Indigenen und schwarzen Menschen gar nicht zu übertreffen.“

Ich glaube, viele von uns wissen nicht, wie privilegiert wir behandelt werden, alleine aufgrund weißer Hautfarbe. Zu unserer Alltagsrealität gehört nicht, dafür gelobt zu werden, dass wir „aber gut Deutsch“ sprechen, oder dass unsere „Leute“ „Rhythmus im Blut“ haben. Was kann man tun, wenn man Zeuge von Alltagsrassismus wird? Sich solidarisieren, einem Opfer beistehen. Haltung zeigen und darauf aufmerksam machen, wenn etwas rassistisch ist und verdeutlichen, dass man diese Meinung nicht teilt. Wenn konkret Handlungsbedarf besteht, um Unterstützung bei Mitmenschen bitten. Jeder Einzelne kann sich im Alltag gegen Rassismus engagieren. Auch informiert zu bleiben, hilft.

Wir leben in 2021. Noch nie war unser Zugang zu Wissen so einfach, warum nutzen wir das nicht, um ein Gespür dafür zu etablieren, was rassistisch und menschenfeindlich ist? Infos und auch Hilfsangebote gibt es bei dem Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt unter www.verband-brg.de.


Zur Person:

  • Christina Knäblein ist Redakteurin der OV.
  • Die Autorin erreichen Sie unter info@ov-online.de.

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