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Weihbischof Theising fordert faire Preise für Bauern

Weihbischof Wilfried Theising hat "großes Verständnis" für die Protestaktionen der Landwirte. Der Vechtaer Offizial mahnt ein Umdenken der Handelsketten und ein neues Miteinander beider Seiten an.

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Fordert für Landwirte mehr Anerkennung und eine bessere Honorierung: Weihbischof und Offizial Wilfried Theising. Die Gesellschaft müsse bereit sein, für mehr Tierwohl und ökologische Leistungen der Landwirte zu zahlen. Archivfoto: M. Niehues

Fordert für Landwirte mehr Anerkennung und eine bessere Honorierung: Weihbischof und Offizial Wilfried Theising. Die Gesellschaft müsse bereit sein, für mehr Tierwohl und ökologische Leistungen der Landwirte zu zahlen. Archivfoto: M. Niehues

Herr Weihbischof, Landwirte haben kurz vor Weihnachten mit Blockaden von Lagern des Lebensmitteleinzelhandels faire Preise eingefordert. Auch in Cloppenburg und andernorts im Oldenburger Land. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich habe großes Verständnis dafür. Manchmal muss auch durch drastische Maßnahmen mehr Aufmerksamkeit geschaffen werden. Das darf dann auch über solche Aktionen geschehen, um ins Gespräch miteinander zu kommen. Am Mittwoch wird es auf Initiative des Agrarministeriums in Hannover solch ein Gespräch per Video mit Vertretern des Handels und der Landwirtschaft geben. Ich hoffe, dass es Perspektiven eröffnet und dass es für beide Seiten ein neues Miteinander gibt. Auch die großen Ketten, die Lebensmittel verkaufen, müssen mitziehen. Die können nicht einfach sagen: Das machen die Landwirte allein und den Reibach stecken wir ein. Das geht nicht.

Die Marktmacht der Handelsriesen ist gewaltig. Erzeuger sind bislang vom Verhalten der Ketten auf Gedeih und Verderb abhängig. Ist das ethisch vertretbar?

Es ist offensichtlich etwas in eine Schieflage geraten und muss reguliert werden, weil das über den Markt alleine nicht funktioniert. Ich bin sonst grundsätzlich dafür, dass die Märkte sich selbst regeln. Aber in diesem Fall ist es dermaßen eklatant, dass es so nicht weitergehen kann, wie die Preise diktiert werden. Das ist tatsächlich auch eine ethische Frage, ob man so mit Partnern umgehen darf und ob es gerechtfertigt ist, Preise so zu drücken, dass die Erzeuger nicht mehr davon leben können.

Billigpreise sind auch ein Ausdruck geringer Wertschätzung für Nahrungsmittel. Dasselbe gilt, wenn Verbraucher viele Lebensmittel wegwerfen...

...Da stimme ich Ihnen zu. Es ist auf keinen Fall gut, wenn man mit Niedrigpreisen für Lebensmittel Menschen in den Supermarkt locken will, um sie dazu zu bringen, auch etwas anderes zu kaufen. Dass man Sonderangebote macht, das halte ich für ganz richtig. Aber insgesamt müssen wir alle daran arbeiten, dass ein Lebensmittel auch gewürdigt wird. Lebensmittel kommen aus der Natur, ob tierisch oder pflanzlich – immer ist da etwas gewachsen und mit menschlicher Arbeit verbunden, und es ist nicht selbstverständlich, dass es da ist. Das müssen wir auch im Preis deutlich machen und sicher auch in der persönlichen Wertschätzung. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Es ist eine langfristige und mühsame Aufgabe. Aber sie ist es wert, weil Lebensmittel etwas Kostbares sind.

Kann die Kirche am Bewusstseinswandel mitwirken?

Ich glaube, dass wir etwas dazu beitragen können. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die davon ausgeht, dass der Mensch als Geschöpf in, mit und von Gottes Schöpfung lebt, Tag für Tag. Ich glaube, dass wir das selber wieder bewusster wahrnehmen müssen.

Was genau läuft in der Gesellschaft, in der Politik und in der Wirtschaft schief, wenn Bauern mit Protesten und Blockaden um Anerkennung und um faire Preise kämpfen müssen?

Es kann und darf nicht sein, dass die Bauern für Vieles immer der Sündenbock sind. Sie werden häufig kritisiert, manchmal angegriffen, wenn es beispielsweise um Fragen der Ökologie oder des Tierwohls geht. Ich glaube, dass die große Mehrheit der Landwirte sehr verantwortungsvoll arbeitet. Und sie verdienen Anerkennung, weil sie dafür sorgen, dass wir genug zu essen haben, und zwar so gute Nahrungsmittel wie wahrscheinlich nie zuvor. Die Landwirte sind an vielen Stellen auch Landschaftspfleger. Insofern wünsche ich mir, dass auch das mehr gewürdigt wird, um dann gemeinsam mit den Landwirten die Probleme anzuschauen, die wir sicher auch haben und die in der Zukunft bewältigt werden müssen. Meiner Meinung nach sind Landwirte gerne bereit, dazu beizutragen.

Das Jahr 2020 war insgesamt ein sehr schwieriges für Landwirte: Erneute Ernteeinbußen wegen der Trockenheit, ein Preissturz beim Schweinefleisch wegen des Exportverbots infolge der Afrikanischen Schweinepest in Ostdeutschland, dann ein corona-bedingter Schweinestau in den Ställen. Nun grassiert die Geflügelpest. Welchen Trost können Sie Landwirten geben?

Ich möchte zunächst meine Besorgnis ausdrücken. Was Sie aufgezählt haben, geht an die Substanz der Betriebe. Es ist auf der einen Seite ein finanzielles Problem, auf der anderen Seite auch ein soziales und eine psychische Belastung für Betroffene. Da kommt sicher auch die Frage des Trostes mit hinein. Aber nicht im Sinne einer Vertröstung. Das kann nicht helfen. Es gibt von der Kirche die Zusage, in Gesprächen und Zusammenkünften gemeinsam etwas zur Verbesserung der Lage zu tun. Das wird ein langer und mühsamer Weg. Aber als Kirche schauen wir sehr aufmerksam auf die Landwirtschaft, weil wir um die Bedeutung der Betriebe für unsere Region wissen.

Akademie Stapelfeld als Gesprächsforum für ländlichen Raum

Die katholischen Bischöfe in Niedersachsen und Sie als Offizial haben im Sommer einen offenen Brief zur Landwirtschaft veröffentlicht. Das Schreiben kann auch als Appell zum gesellschaftlichen Konsens gelesen werden. Runde Tische unter dem Motto „landwärts“ wurden ins Leben gerufen. Was ist daraus geworden?

Wegen der Corona-Pandemie ist der Gesprächsfluss nicht so weitergegangen, wie wir das gewollt hätten. Ich hoffe, dass wir bald in eine Regelmäßigkeit und auch in eine Präsenz kommen. Wir planen zudem, mit der Akademie Stapelfeld stärker in den oldenburgischen Bereich hineinzugehen, um Gespräche zu führen. Auch mit dem Agrarministerium in Hannover und mit vielen Beteiligten aus Politik, Gesellschaft und Kirche. Es geht um die Landwirtschaft und um den ländlichen Raum insgesamt. Wenn es den Landwirten nicht gut geht, dann geht es unserer Region nicht gut. Viele Wirtschaftsbereiche sind eng mit der Landwirtschaft verknüpft. Käme es zu einem Niedergang der Landwirtschaft, würden viele Orte in der Region verkümmern. Wir leben hier alle von und mit der Landwirtschaft im weitesten Sinne. Und mit Blick auf die einzelnen Betriebe, die oft seit vielen Generationen in derselben Familie sind, will ich betonen: Da steckt mehr drin als die Frage nach dem Lebensunterhalt, nach dem Verdienst. Da steckt Tradition mit drin, da steckt Erbe mit drin in der ganzen Breite einer Kultur. Oft haben diese Familien nicht nur die Landschaft und Dörfer äußerlich gepflegt, sondern auch gesellschaftlich. Unsere Landwirte haben hier immer Verantwortung übernommen, auch in der Kirche. Es geht Vieles verloren, wenn auch nur ein einziger Betrieb schließt.

Die Politik plant einen Umbau der Tierhaltung – hin zu mehr Tierwohl. Es gibt zudem große Herausforderungen beim Wasserschutz und bei der Reinhaltung der Luft. Zudem ist die ausländische Konkurrenz massiv. Kann die Region das bewältigen?

Ich bin überzeugt, dass die Landwirtschaft hier eine Perspektive hat. Den besseren Schutz der Natur müssen wir hinkriegen, weil sie eine Lebensvoraussetzung für uns ist. Das ist zwingend geboten. Aber es muss so sein, dass die Landwirte in die Lage versetzt werden, etwas umzustellen, um diesen Beitrag für die Natur insgesamt leisten zu können. Wenn aber Landwirte in Deutschland mit viel mehr gesetzlicher Reglementierung und Begrenzung arbeiten müssen als Landwirte in anderen EU-Ländern, ist der Wettbewerb verzerrt. Die Frage ist: Wie kriegen wir alles in ein gutes Miteinander. Ich sehe bei den Landwirten die Bereitschaft, daran mitzuwirken. Landwirte wollen so arbeiten, dass sie sagen können: „Ich leiste gleichzeitig einen Beitrag für die Natur. Ich arbeite nachhaltig.“ Wir müssen aber auch als Gesellschaft bereit sein, die Landwirte zu unterstützen.

Was muss die Gesellschaft tun?

Wenn die Kuh auf der Weide laufen soll, muss der Landwirt für das Stück Butter und den Liter Milch auch mehr Geld bekommen. Landwirte müssen auch für Dinge bezahlt werden, die nicht unmittelbar auf dem Tisch sind. Für Landschaftsschutz, Landschaftspflege und andere ökologische Leistungen.

Da ein Wandel der Landwirtschaft allein schon aufgrund neuer Gesetze ansteht, stellt sich die Frage nach einer Strategie für das Oldenburger Münsterland. Sollte es ein regionales Forum dafür geben? Sollte es einen Plan für die Region geben?

Ich könnte mir das vorstellen. Ich glaube, dass das richtig ist. Wir müssen das gemeinsam anpacken, damit wir zukunftsfähig bleiben. Das sage ich auch unabhängig vom Thema Landwirtschaft. In unserer Region hat es eine gute Tradition, in vielen Bereichen etwas eigenständig hinzubekommen. Wir als katholische Kirche sind ja aufgrund des Offizialats auch in der einzigartigen Situation, dass wir zur Diözese Münster gehören, aber unsere Selbstständigkeit im Alltag haben. Das hat sich in 190 Jahren bewährt, ohne dass das Verhältnis zum Größeren gelitten hätte oder dass wir nur Partikularinteressen vertreten würden. Ich glaube, das kriegen wir in der Region auch mit der Landwirtschaft hin, das kriegen wir in vielen anderen Bereichen hin. Dafür sind die Menschen hier offen. Wir haben viele gute Voraussetzungen dafür, sowohl was die Erfahrung angeht, aber auch die Charaktereigenschaften und den Willen, etwas gemeinsam anzugehen. Insofern bin ich zuversichtlich. Wenn es irgendeine Region in Deutschland packen kann, dann sind wir das. Davon bin ich ganz fest überzeugt.

Was verbindet Sie persönlich mit der Landwirtschaft?

Ich komme selber von einem Hof. Wenn ich nicht Priester geworden wäre, wäre ich Landwirt geworden.

Auch heute?

Ich könnte mir das heute immer noch vorstellen.


Zur Person:

  • Wilfried Theising (*20. September 1962 in Wettringen) ist Weihbischof und Offizial des Bischöflich Münsterschen Offizialats (BMO) mit Sitz in Vechta.

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