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Was Sie über ein Fake-Video und echte Bilder vom Wolf wissen müssen

Es gibt unter anderem dafür Belege, dass es mindestens 5 Welpen im Goldenstedter Moor gibt. Weitere Spuren werden noch ausgewertet.

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Wölfe im Winter: Hier aufgenommen im Wolfcenter Dörverden. Foto: M. Niehues

Wölfe im Winter: Hier aufgenommen im Wolfcenter Dörverden. Foto: M. Niehues

Ein Video, das sich zurzeit mit dem Zusatz "gestern in Telbrake" über WhatsApp verbreitet, sorgt für Unruhe in und um Vechta. Die Sequenz zeigt einen Wolf, der sich über einen Rinderkadaver hermacht und von einem Landwirt, der auf einem Trecker sitzt, angeschrieben wird.

Sind das Bilder aus Vechta? Ist tatsächich ein Tier des Goldenstedter Rudels zu sehen?

"Nein", sagt der für den Landkreis Vechta zuständige Wolfsberater Ulrich Heitmann aus Dinklage. "Da wird nur wieder eine Sau durchs Dorf getrieben", ärgert er sich. Es sei wichtig, solche WhatsApp-Nachrichten zu hinterfragen. Tatsächlich geistere das Video schon seit Monaten durch ganz Deutschland. Immer dort werde es besonders fleißig weitergeleitet, wo kurz zuvor Wölfe aufgetaucht waren. Das Video, so vermutet der Dinklager, werde gezielt gestreut, um Stimmung gegen die Tiere zu machen. In Telbrake hatte zuvor ein Jäger mit einer Wärmebildkamera 8 Wölfe am Rand des Moores gefilmt. Dass das Rudel so groß ist, war bisher nicht bekannt.

Mehr Hund als Wolf: Das Video mit diesem Tier an einem Rinderkadaver geistert per WhatsApp seit Monaten durch Deutschland. In Telbrake ist es nicht entstanden. Foto: ScreenshotMehr Hund als Wolf: Das Video mit diesem Tier an einem Rinderkadaver geistert per WhatsApp seit Monaten durch Deutschland. In Telbrake ist es nicht entstanden. Foto: Screenshot

Experten macht ein anderes Video neugierig

Deshalb bekommt im Moment ein anderes neues Video umso mehr Aufmerksamkeit bei Wolfsexperten. Darin ist tatsächlich das hiesige Rudel zu sehen: Zuerst ist im Dickicht am rechten Bildrand ein Wolf mit dunklem Fell zu erkennen, vielleicht der Rüde. Dann folgen dem Raubtier nacheinander 4 Welpen von links nach rechts durchs Bild. Im Hintergrund huscht ein erwachsenes Tier vorbei, vermutlich die Mutter der jungen Raubtiere, die Goldenstedter Wölfin. Dann taucht ein 5. Welpe auf und folgt seinen Geschwistern.

Die Videosequenz vom August letzten Jahres hat jetzt der niederländische Wolfsbeobachter Hans Hasper dieser Redaktion und dem Wolfsmonitoring zur Verfügung gestellt. Nachdem in der vergangenen Woche ein Jäger 8 Wölfe in Telbrake gefilmt hatte, stellte sich die Frage, wie sich das hiesige Wolfsrudel zusammensetzt. Bisher war nur von 4 Welpen ausgegangen worden, die im Mai 2020 im Moor zwischen Goldenstedt und Barnstorf geboren wurden. Mehr Tiere waren nie von Kameras erfasst worden. Die Goldenstedter Wölfin als mutmaßliche Mutter war im Herbst beim Überqueren der Bundesstraße 51 bei Barnstorf von Autos tödlich verletzt worden. Die Wolfsberater beider Landkreise waren daher eher von 5 Wölfen des hiesigen Rudels ausgegangen, keinesfalls von gleich 8 Tieren.

Das neue Video belegt, warum die für das Wolfsmonitoring des Landes zuständige Landesjägerschaft bei der Angabe von Zahlen zu den einzelnen Wolfsrudeln des Landes zurückhaltend ist. Sie sprach bisher von "mindestens" 4 Welpen des Barnstorfer Rudels. Jetzt sind es also 5, vielleicht auch mehr. Zudem tauchten im Frühjahr vergangenen Jahres auf einem Foto 2 weitere Wölfe auf, die bisher nicht bekannt waren. Möglicherweise handelt es sich hier um Töchter der Goldenstedter Wölfin. Vater der weiblichen Tiere könnte der Rüde aus dem Ueckermünder Rudel sein, der Anfang 2018 plötzlich verschwand.

Fraglich ist, welcher Wolf jetzt an die Stelle der verunfallten Goldenstedter Wölfin tritt. Jetzt beginnt die Paarungszeit bei den Grautieren, die bis Ende Februar anhält. Wird eine Tochter der Goldenstedter Wölfin jetzt im Rudel als Partnerin des Rüden nachrücken, statt abzuwandern? Denn normalerweise müssen Wölfe, wenn sie langsam erwachsen werden, das Rudel verlassen und ihr eigenes Revier finden. Ein Wolfsrudel in freier Wildbahn setzt sich hierzulande üblicherweise aus den Elterntieren, den aktuellen Welpen und meist ein paar Jungtieren aus dem Vorjahr zusammen, die bei der Aufzucht helfen. Meist handelt es sich hierbei um weibliche Tiere. Denn die jungen Rüden müssen meist zuerst das Rudel verlassen.

Sind die Tiere verwandt? Kotproben werden für die Antwort analysiert

Hans Hasper, der sich sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland intensiv mit dem Thema Wölfe befasst, hält es auch für möglich, dass der Rüde des Rudels 2020 nicht nur mit der Fähe für Nachwuchs gesorgt hat, sondern auch mit ihrer Tochter. Diese Konstellation sei in Weißrussland bereits wiederholt beobachtet worden, berichtet er. "Das halte ich auch für möglich", sagt Ulrich Heitmann. Noch ist das aber nur Spekulation. Gewissheit sollen die Untersuchung genetischer Proben von aufgefundenem Kot, sogenannter Losung, erbringen. Das Ergebnis steht noch aus.

Dafür gibt es inzwischen zum erst im vergangenen Jahr neu festgestellten Wolfsrudel im Rehdener Geestmoor Erkenntnisse, die Wolfsexperten aufhorchen lassen. Zuletzt waren hier mal 2 Wölfe, aber auch 4 und öfter 5  Tiere gesichtet worden, wie Wolfsberater Dr. Marcel Holy aus Hüde berichtet. Das Rudel besteht aktuell demnach vermutlich aus den 2 Elterntieren und 3 Welpen aus 2020. Ein 4. Welpe wurde im Sommer am Rande des Rehdener Geestmoores überfahren, der Kadaver anschließend untersucht. 

Das Ergebnis überrascht: Die Genetik des jungen Wolfs belegt demnach zu gleichen Teilen die Herkunft aus der mitteleuropäischen Flachlandpopulation und der Alpenpopulation. Das bestätigt Raoul Reding von der Landesjägerschaft. Die hiesigen Wölfe gehören der mitteleuropäischen Population an. Die der Alpenpopulation haben selten den Weg nach Deutschland gefunden, noch seltener haben sie sich mit hiesigen Wölfen gepaart. "Wenn, dann kann nur der Vater der Alpenpopulation angehören", erklärt Reding. "Für die Genetik wäre es toll, wenn frisches Blut reinkommt." Genauere Ergebnisse erhofft er sich jetzt über weitere DNA-Untersuchungen.

Junge Union meldet sich bei Instagram zu Wort

Die wiederholten Sichtungen der Wölfe des Goldenstedter und Barnstorfer Moores beschäftigt jetzt auch die Junge Union (JU). Anna Frohn aus Vechta, Kreisvorsitzende der CDU-Jugendorganisation, wandte sich am Sonntag über Instagram an die Anhängerschaft. Nach ihrer Auffassung sind Spaziergänger, die mit Hunden oder Kindern den Moorbereich Telbrakes aufsuchen, jetzt verunsichert. Zudem sei das Rudel für Nutztierrisse bekannt. Sie ruft die Politik jetzt zum Handeln auf. Ihre genauen Forderungen will die JU demnächst konkretisieren.

Wolfsberater Ulrich Heitmann entgegnet, dass ihm zurzeit keine Auffälligkeiten der Wölfe bekannt sind. Auch Nutztierrisse seien aktuell nicht zu verzeichnen. In Bezug zu den politischen Forderungen rät er der Jungen Union, "sich zu informieren, was überhaupt möglich ist."

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