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Was ist Kindesmissbrauch, was nicht? Ein Beispiel aus dem Alltag des Jugendgerichts in Vechta

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Der Vorwurf des Kindesmissbrauchs wiegt oft besonders schwer. Daher schaut auch das Jugendgericht genau hin.

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Bei einer Anklage wegen Kindesmissbrauchs gibt sich die Justiz besondere Mühe, um die Anschuldigung aufzuklären. Im vorliegenden Fall gab es drei Verhandlungen vor den Gerichten in Osnabrück und Vechta, das Gutachten eines Rechtspsychologen und eine Prüfung durch einen Sonderdezernenten der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Heraus kam ein Freispruch.

Hintergrund: Ein Paar hat zwei Kinder; einen Sohn und eine etwas ältere Tochter. Die Eheleute lassen sich scheiden. Die Mutter zieht fort, die Kinder besuchten öfter den Vater, der wiederum heiratet bald eine neue Frau.

Die geschiedene Frau erstattete bei der Polizei Anzeige gegen ihren Ex. Dieser habe ein Kind, den 5-jährigen Sohn, missbraucht. Es kam zur Anklage und zur nichtöffentlichen Vernehmung des „Opfers“ durch eine Jugendrichterin. Die Sache wurde an das Jugendgericht nach Vechta überwiesen. Dort gab es eine erneute Verhandlung, in der das Gericht sich entschied, einen Gutachter zu beauftragen, da der angeklagte 41-Jährige einen Missbrauch weit von sich wies.

"Schon ein Dezernent der Staatsanwaltschaft Oldenburg stellte fest, dass die Beweislage schwierig war und es sich bei der vorgetragenen missbräuchlichen Berührung auch um eine Berührung aus hygienischen Gründen gehandelt haben könnte."Klaus Esslinger

Zum Vorwurf: Die Ex-Frau hatte angezeigt, der Vater habe seinen 5-jährigen Sohn unsittlich berührt. Schon ein Dezernent der Staatsanwaltschaft Oldenburg stellte fest, dass die Beweislage schwierig war und es sich bei der vorgetragenen missbräuchlichen Berührung auch um eine Berührung aus hygienischen Gründen gehandelt haben könnte. Was blieb, war der Vorwurf, der Vater habe den kleinen Sohn im Auto auf den nackten Po geküsst. Ob das strafbar ist, war schon umstritten.

Der Vater und Angeklagte bestritt dies. Der Gutachter hatte auch starke Zweifel. „Junge Menschen sind leicht beeinflussbar.“ Es gebe in diesem Fall zu wenig Beweise. Das Opfer habe nicht einmal gewusst, dass seine etwas ältere Schwester bei der angegebenen Tat dabei gewesen sein soll. Insgesamt schlage er einen Freispruch vor.

Offensichtlich angesichts des Gutachtens, das allen Beteiligten schriftlich zugesandt worden war, verzichtete der Nebenkläger, der die Ex-Frau und Kinder vertrat, auf sein Kommen zur Verhandlung. Die Verteidigerin des Angeklagten schloss sich dem Gutachter an und sah den Hintergrund der Anzeige wohl in der Tatsache, dass sich der Angeklagte eine neue Frau genommen hatte. Der Angeklagte selber berichtete, dass man sich inzwischen auch mit der Ex-Frau, der „neuen“ Frau und den Kindern getroffen habe.

Die Jugendrichterin begründete den Freispruch und wies darauf hin, dass die Beweislage nicht ausreichend gewesen sei und bei solchen schwierigen Familienverhältnissen Aussagen oft instrumentalisiert werden.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de.

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