Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Was ich wirklich zum Leben brauche, ist viel weniger, als ich habe

Kolumne: Auf ein Wort – In diesem Jahr der vielfachen Krisen ist es wichtiger als je zuvor, mir bewusst zu machen, in welchem Überfluss ich eigentlich lebe. Es gibt viele, denen es nicht so geht.

Artikel teilen:

Endlich einmal wieder habe ich mich mit einer Freundin aus meinem früheren Wohnort verabredet. In Oldenburg wollen wir uns treffen, am Eingang der Lambertikirche. Ich halte eine Weile Ausschau, lasse meinen Blick über den Marktplatz schweifen. Dann kommt sie; ich hätte sie schon an ihrem besonderen Gang erkannt. Mit Pluderhose, Ringelshirt und flachen bequemen Schuhen.

Wir setzen uns in ein Café und genießen bei spätsommerlichem Sonnenschein ein nettes Mittagessen. Ein großes Glas Apfelschorle dazu. Wenn man in einer kleineren Stadt wohnt, wie wir beide, ist es interessant, im Zentrum einer Großstadt einfach mal zu schauen, wer da durch die Fußgängerzone läuft: Menschen mit großen Einkaufstüten, Freundinnen, schick gestylt, elegant gekleidete Herren und Damen ... Wie mir fällt meiner Freundin wohl auf, dass sich hier ein ganz ordentlicher Wohlstand präsentiert. Ich ertappe mich hier und da bei dem Gedanken: 'Dieses schicke Oberteil könnte mir auch noch gefallen.' ... oder: 'Ich könnte mir auch mal wieder eine neue Jacke zulegen.'  – Sie sagt: „Wie gut, dass ich das alles nicht brauche!“ Ihre tiefe Zufriedenheit macht Eindruck auf mich. Meine Freundin scheint resistent zu sein gegen den Kauf- und Konsumdrang, der mich an solchen Orten doch leicht befällt. Ihr Satz geht mir noch lange nach.

Ein paar Wochen später geht die Outdoor-Firma Patagonia durch die Presse, und ich muss unwillkürlich an den Nachmittag in Oldenburg denken. Patagonia schaltete 2011 am Black Friday, dem Auftakt zum vorweihnachtlichen Kaufrausch, die Anzeige einer Jacke mit dem Spruch: „Don’t buy this jacket! – Kauf diese Jacke nicht. Kauf nicht, was du nicht brauchst. Denk zweimal darüber nach, bevor du etwas kaufst.“ Und tatsächlich, so wird erzählt, kann es einem in einem Shop dieser Marke passieren, dass die Verkäuferin sagt: „Lassen Sie doch erstmal Ihre alte Jacke reparieren, der Umwelt zuliebe.“

"Ich kann gut auskommen mit weniger neuen Klamotten, mit ein paar Grad weniger in meinen Räumen..."Martina Wittkowski, Kreispfarrerin

Was ich wirklich zum Leben brauche, ist viel weniger, als ich habe. Das mache ich mir neu bewusst. In diesem Jahr der vielfachen Krisen ist das wichtiger als je zuvor. Ich kann gut auskommen mit weniger neuen Klamotten, mit ein paar Grad weniger in meinen Räumen ... Auch ohne die Energiekostenpauschale im September kann ich meine Rechnungen bezahlen. Doch ich weiß: Es gibt viele, denen es nicht so geht. Die immer zurechtgekommen sind, und jetzt an ihre Grenzen stoßen. Ihr Einkommen reicht auf einmal nicht mehr für das Alltägliche wie Lebensmittel, Kleidung und Wärme.

„Euer Überfluss diene ihrem Mangel“, der Vers aus dem 2. Korintherbrief fällt mir ein. Paulus sammelt Spenden für die Christinnen und Christen in Jerusalem, die in Not geraten sind. Eine gute Idee, einmal zu überlegen: Was habe ich im Überfluss? Was brauche ich wirklich nicht? Und dann abzugeben an die, die es nötiger haben.


Zur Person:

  • Martina Wittkowski ist Kreispfarrerin im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Oldenburger Münsterland.
  • Sie erreichen die Autorin per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

So verpassen sie nichts mehr. Mit unseren kostenlosen Newslettern informieren wir Sie über das Wichtigste aus dem Oldenburger Münsterland. Jetzt einfach für einen Newsletter anmelden!

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Was ich wirklich zum Leben brauche, ist viel weniger, als ich habe - OM online