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Warum ich die kulinarischen Köstlichkeiten des Oldenburger Münsterlands vermisste

Kolumne: Gerne mokierte sich der Gast über die Eintönigkeit von Speisekarten. Schon wieder das x-te Jägerschnitzel, die zig hausgemachten Rouladen oder die frisch geschabten Spätzle.

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Errare humanum est. So lehrte es uns einst der Altphilologe. Er, der sonst wenig Verständnis und noch weniger Milde walten ließ, verstand den lateinischen Satz wohl auch eher funktional als inhaltlich. Irren ist menschlich, also so what. Errare humanum est, wobei Witzbolde die drei Worte gemäß ihrer Anfangsbuchstaben eher als „Ehe“ verstehen. Aus Spaß kann da schon eilends Ernst entstehen.

Was jetzt noch fehlt, ist der kleine Seitenhieb gegen die Nörgler, die schon immer gegen die Altphilologie wetterten. Tote Sprache, überflüssig und unnütz. Dann doch lieber Französisch oder Spanisch. Das sind lebendige Sprachen, damit kann man noch etwas anfangen. Beispielsweise in der Provence ein Trüffelmenue bestellen. Und es dann auch bekommen und nicht Pralinen oder Stockfisch. Oder vor der Alhambra eine Handvoll Tapas ordern. Und die dann auch serviert werden und nicht leicht gesäuertes Kalbsbries oder Schweinemagen angemacht. Jeder wie er mag oder will.

Doch zurück zum Irren. Gerne mokierte sich der Gast über die Eintönigkeit von Speisekarten. Schon wieder das x-te Jägerschnitzel, die zig hausgemachten Rouladen oder die frisch geschabten Spätzle. Viel schlimmer die Döner in allen Variationen, an jeder Hausecke die Pizzen zum Mitnehmen oder Tortellini mit Schinkensahnesoße in Styropor. Auch unsere Kreisstadt ist wie andere übersät mit Dönerbuden, -imbissen oder Gyros bei Hodscha.

„Dann folgte nach der langen punkebrotlosen Zeit in den Restaurants des Oldenburger Münsterlandes der Hammer.“Otto Höffmann

Mehr Regionales wünschte sich der Gast und nahm die Köche als vermeintlich Schuldige ins Visier. Warum bieten sie nicht mehr Typisches an. Okay, jetzt zur Winterzeit gibt’s überall unseren Grünkohl. Gut so. Südoldenburgs Beitrag zum Weltkulturerbe. Addi Röhr zelebrierte ihn einst im Dorfkrug des Museumsdorfes. Dazu einen trockenen Roten. Muss ja nicht immer Bier und Schluck sein.

Doch der Gast wünschte sich noch ein anderes Stück vom essenskulturellen Erbe, nämlich Punkebrot und Grütze. Oder Wurstebrot und Götte. Oder Blutballen und Knipp. Das Punkebrot (oder wie sie alle heißen) ist eine Grützwurst aus dem Münsterland und dem Osnabrücker Land. Sie wird aus Blut, Roggenschrot, fettem Speck, Schweinefleisch, Mehl und Gewürzen hergestellt. Okay, ist nicht vegan, aber saulecker.

Bei den Hausschlachtungen zwischen Barßel und Bakum, zwischen Mühlen und Markhausen, also im gesamten Oldenburger Münsterland, wurde frisches, noch warmes Blut mit Wurstbrühe, Schrot und durchgedrehtem Schweinefleisch vermengt und pikant gewürzt. Die Masse wird zu einem Laib verarbeitet und gekocht. Häufig wird Wurstebrot in dicke Scheiben geschnitten und in der Pfanne gebraten gegessen. Manche ergänzen das kross gewordene "Brot" mit Scheiben süßer Apfelsorten. Ganz Hartgesottene streichen Marmelade drauf.

Das Oldenburger Münsterland bietet Kuriositäten

Man kann es im Oldenburger Münsterland so gut wie in jeder Fleischerei kaufen. Und günstig dazu. Aber nirgendwo im Restaurant steht es auf der Karte. Der "Spieker" in Bad Zwischenahn hält winters – gottseisgedankt – die Fahne hoch und serviert "Blutballen" mit Grütze an kross gebratenen Bratkartoffeln und rote-Bete-Scheiben. Zum Niederknien. Aber immer nach Bad Zwischenahn fahren?

Doch dann folgte nach der langen punkebrotlosen Zeit in den Restaurants des Oldenburger Münsterlandes der Hammer. Als vor sechs Wochen die Heimatzeitung ganzseitig die Winterangebote der hiesigen Wirte bewarb, vom Wintergrillen am offenen Kamin über Wild-Wintergrillen in der Gastrohütte bis hin zum dreierlei Fleisch bis zum Abwinken warb das Haus Maria Rast direkt neben der Wallfahrtskirche in Bethen mit Wurstebrot und Grütze zum Sattessen.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, dachte sich der Gast und dankte der Gottesmutter gleichermaßen wie den Wirtsleuten für ein solches Angebot. Endlich ein Stück Kultur zurück, endlich daheim. Wie die Haxe in München, das Sauerkraut im Elsaß, das Schäufele in Freiburg oder die Currywurst in Berlin war auch das Punkebrot wieder da, wo es hingehörte. Punke coming home.

Errare humanum est

Jetzt aber schnell reservieren. Doch der Alltag und angeblicher Stress  und Termine hatten zur Folge, dass Wochen verstrichen. Wenige Tage vorm Termin jetzt aber sofort reservieren. Bangen ob der befürchteten Absage wegen Überfüllung.

Man hätte gerne einen Tisch für vier Personen für den Punkebrot-Abend. Leider, leider, bedauert die freundliche Dame am Telefon. Das gehe leider nicht. Also doch zu spät, denkt sich der frustrierte Gast und sinkt in sich zusammen. Ob man denn nicht vielleicht einen Tisch irgendwie in die Ecke dazustellen könne. Das ginge leider nicht, weil der Abend nämlich gar nicht stattfinden werde.

Um Gotteswillen, kann der Gast kaum an sich halten, warum findet der Abend denn nicht statt. Die Antwort ist klar und einfach: Es hat sich niemand angemeldet, und zwar niemand. Tja. Dem Gast verschlägt es die Sprache. Soweit zur Rückkehr des Esskulturerbes. Punkebrot passé. Wurstebrot, das wärs gewesen. Errare humanum est. So kann man sich auch in den Oldenburger Münsterländern irren. Wenns noch mal jemand wagen sollte: Für mindestens vier Gäste wäre gesorgt.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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