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Warum die USA ein zerspaltenes Land sind

Anlässlich der US-Präsidentschaftswahl am 3. November präsentieren wir in lockerer Folge Menschen aus der Region, die sich in den USA auskennen. Diesmal: Professor Hans-Wilhelm Windhorst aus Vechta.

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Viele Studienreisen in die USA: Professor Dr. Hans-Wilhelm Windhorst. Foto: Tzimurtas

Viele Studienreisen in die USA: Professor Dr. Hans-Wilhelm Windhorst. Foto: Tzimurtas

Es ist eine stattliche Zahl an Studienreisen in die Vereinigten Staaten von Amerika, die Professor Dr. Hans-Wilhelm Windhorst unternommen hat: 31 Aufenthalte zu Forschungszwecken waren es seit 1973. „Zusammengerechnet habe ich mich sicherlich etwa drei Jahre in den USA aufgehalten“, sagt der 76-Jährige. Daneben habe er dort auch private, familiäre Beziehungen. Beruflich habe er bis auf drei oder vier alle der 50 US-Bundesstaaten bereist, „immer mit dem Ziel, die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume zu erforschen“. Auch mit ökologischen Problemen befasste sich der emeritierte Professor der Universität Vechta für Wirtschaftsgeografie und Strukturforschung.

Windhorst hat also den gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel des Landes intensiv beobachtet und analysiert, insbesondere in jenen Regionen in denen US-Präsident Donald Trump 2016 eine breite Anhängerschaft hatte. Das sind die ländlichen Regionen, die von einem Niedergang gekennzeichnet sind. Trumps Unterstützer seien zu einem großen Anteil die sogenannten „weißen Männer“ im Mittleren Westen und in Teilen des Südens gewesen. Jene, die sich abgehängt fühlen.

Nun, nach vier Jahren, tritt Trump zur Präsidentschaftswahl am 3. November wieder an. Wie offen das Rennen zwischen ihm als erneuten Kandidaten der Republikaner und seinem Herausforderer Joe Biden von den Demokraten ist, das sei „schwierig zu beantworten“, sagt Windhorst. Denn im US-Wahlsystem werde der Präsident nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von Wahlmännern und Wahlfrauen, also von Delegierten aus den einzelnen Staaten. Ihre Anzahl richtet sich nach der jeweiligen Einwohnerzahl.

Windhorst: In Florida drohen Trump Verluste

Windhorst: „Bei der letzten Wahl haben wir gesehen: Obwohl Hillary Clinton drei Millionen mehr Stimmen hatte, hat Trump gewonnen, weil er mehr Wahlmänner hatte. Er konnte die großen Swing-States im Mittleren Westen auf sich vereinigen.“ Swing-States – das sind jene Bundesstaaten, die auf der Kippe stehen, weil die Kandidaten beider großer Parteien eine Aussicht auf den Wahlsieg haben.

Feststellen lasse sich aber dies: In Umfragen liege der Anteil, den Trump auf sich vereinigen könne, sehr stabil bei 42 oder 43 Prozent. „Das ist die Basis, auf die er bauen kann“, erklärt Windhorst. Und weiter: „Was zwischen diesem Anteil und den 52 Prozent, die für Biden sind, passiert, wird sehr spannend.“ Windhorst glaubt, dass Trump diesmal den US-Bundesstaat Florida verlieren wird, wo viele Senioren ihren Ruhestand verbringen. Denn in dieser Gruppe der Bevölkerung habe es viele Tote infolge der Corona-Pandemie gegeben.

Trump war immer wieder vorgeworfen worden, das Corona-Virus zu verharmlosen. In den USA sind fast 7,9 Millionen Ansteckungen nachgewiesen worden. Mehr als 216 000 Menschen starben bislang nach einer Infektion. Als Trump selbst infiziert war, kam er ins Krankenhaus. Nach seiner Entlassung rief er dazu auf, keine Angst vor der Krankheit Covid-19 zu haben.

Niedergang des ländlichen Raums seit 80er Jahren

An Merkwürdigkeiten fehlt es bei diesem US-Präsidenten nicht – gelinde gesagt. Dass er 2016 ins Weiße Haus einziehen konnte mit Hilfe einer großen Anhängerschaft aus dem Mittleren Westen, in dem es wirtschaftlich immer weiter bergab ging, das hat eine längere Vorgeschichte.

Und die kennt Windhorst genau. In den 80er und 90er Jahren führte er mit seinem Kollegen Werner Klohn „sehr umfängliche Studien“ in Arkansas und Oklahoma, aber auch im Süden, in Kalifornien, durch. Dabei sei deutlich geworden, „dass die traditionellen Farmen immer mehr geschrumpft sind“. Es sei ���eine immer stärker werdende Konzentration auf Großbetriebe erfolgt“. Und: „Es sind viele ländliche Siedlungen gestorben.“ Denn durch den Wegfall der Farmen und der Kaufkraft sei in diesen ländlichen Siedlungen die Infrastruktur – Einkaufsmöglichkeiten, Krankenhäuser und Schulen – allmählich verschwunden. Das habe in der Folge „zu einer weiteren Entleerung der ländlichen Räume“ geführt. Das sei ein lange anhaltender Prozess gewesen.

Windhorst macht auch deutlich: Diese Entwicklung habe in den vergangenen vier Jahren „an Dynamik gewonnen“ . Also während der Präsidentschaft von Trump. Davon seien einerseits wieder die ländlichen Räume im Mittleren Westen betroffen, aber andererseits auch in starkem Maße die Südoststaaten der USA, „die immer noch ein Zentrum der schwarzen Bevölkerung sind mit vielen armen Menschen, die kaum einen Lebensunterhalt erwirtschaften können.“ Windhorst: „Dort wird Trump sicherlich sehr viele Wählerstimmen verlieren“, und zwar über die Stimmen hinaus, die er dort sowieso schon nicht hatte.

„Im Mittleren Westen und im Süden spielt beispielsweise Religion immer noch eine ganz große Rolle.“Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst

Windhorst, der heute wissenschaftlicher Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums für Nachhaltige Geflügelwirtschaft (Wing) der Tierärztlichen Hochschule Hannover ist, war 2019 zum letzten Mal in den USA zu Forschungszwecken, er bereiste Kalifornien, Montana und auch Arizona. 2020 hat die Corona-Krise einen erneuten US-Aufenthalt verhindert.

Windhorst sagt über die Verfasstheit der Vereinigten Staaten: „Offensichtlich ist, die USA zerspalten sich in zwei große Blöcke.“ Einerseits gebe es die nah am Ozean gelegenen Bereiche im Westen und „die großen städtischen Agglomerationen im Osten“. Andererseits gebe es „die große geografische Mitte, die dünner besiedelt ist und weniger städtische Zentren“ habe. Die Mentalitäten seien ganz unterschiedlich. „Im Mittleren Westen und im Süden spielt beispielsweise Religion immer noch eine ganz große Rolle“, nennt Windhorst ein Beispiel.

Außerdem sei „eine große gesellschaftliche Trennung“ festzustellen. „Und zwar zwischen einer Gruppe, die reich ist und immer reicher wird und einer Gruppe, die in den letzten Jahrzehnten ärmer geworden ist und zunehmend in Probleme gerät, was durch die Corona-Krise mit vielen Millionen Arbeitslosen noch verschärft worden ist“, erklärt Windhorst. Die Mittelschicht sei zunehmend ins Rutschen geraten, habe an Bedeutung verloren.

Trumps Handelskriege sorgten für große Enttäuschung

Für große Enttäuschung habe gesorgt, „dass Trump unnötige Handelskriege angezettelt hat, vor allem mit China.“ So habe es im Jahr 2016 Agrarexporte für 21 Milliarden US-Dollar nach China gegeben. 2019 aber habe dieses Handelsvolumen bei nur noch neun Milliarden US-Dollar gelegen. „Die Betroffenen sind sicherlich frustriert und werden zu einem Großteil Trump nicht wieder wählen“, sagt Windhorst.  

Trump habe aber das Versprechen erfüllt, die Erdöl- und Kohleförderung wieder sehr stark voranzubringen. Das habe im US-Bundesstaat West-Virgina, der von der Kohleförderung abhängig sei, wieder einen Aufschwung gebracht. Windhorst: „Die werden Trump sicherlich mehrheitlich wählen.“

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