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Warme Strümpfe, heiße Suppe, ach du schöner Thomasmarkt!

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Der Thomasmarkt findet in diesem Jahr zum 717. Mal statt. In seiner Tradition hieß er sogar mal Dionysius- oder Miachelismarkt.

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Heute beginnt der Thomasmarkt. Das ist ein absoluter Pflichttermin für jeden Vechtaer, einer der kultigsten, die die große kleine Stadt zu bieten hat – nicht ganz so mondän und warm und süffig wie der Stoppelmarkt, aber, wenn Sie so wollen, in der hiesigen Volksfestrangfolge direkt dahinter. Leider ist es am Abend im späten Oktober meist etwas zu frisch, um bei einer kühlen Fanta draußen zu plaudern. Das aber stört die Eingeborenen wenig. Man zieht dagegen Pelze an, trägt Strumpfhose und Pils-Handschuh, meine Güte, es wird schon gehen.

Wir feiern in diesem Jahr den immerhin 717. Thomasmarkt. Das lässt erahnen, wie alt das Fest ist. Ganz, ganz früher einmal hieß es Gallusmarkt, eine Zeit lang Dionysiusmarkt, dann Michaelismarkt. Erst in den späten 1950er-Jahren setzte sich der bis heute gültige Name Thomasmarkt durch, der wiederum im Ursprung die Vechtaer Weihnachtskirmes des frühen 18. Jahrhunderts bezeichnete. Entscheidend bei alledem ist, dass man 1970 unter dem fröhlichen Motto „Neue Impulse durch alte Klamotten“ einen Flohmarkt etablierte. Und erst dieses Beiwerk verhalf dem Fest zu seiner heutigen Größe.

"Sein Geschäft florierte, er machte in einer Stunde fast 60 Mark, ich trollte mich im Dunkeln mit schmaler Börse frustriert nach Hause und beschloss, Kommunist zu werden."Christian Bitter

1970 war ich 8 Jahre alt, erfolgreicher Teilnehmer der 3. Klasse an der Vechtaer Alexanderschule und begann auf der Großen Straße sogleich das Jagen und Sammeln. Einen Flohmarkt kannte ich nicht, hatte ihn nirgends je gesehen und wusste auch mit dem Begriff so recht nichts anzufangen. Umso größer war die Faszination: Morgens kaufte ich mir für den Kinderzimmerplattenspieler eine sonst unerschwingliche Single („The Legend of Xanadu“ von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich), mittags eröffnete ich ungehindert mit alten Pixi-Büchern und gebrauchten Indianerspielfiguren einen Verkaufsstand vorm OV-Gebäude, abends zählte ich stolz die Einnahmen, die Umsätze lagen bei 6 Mark 30. Als Tisch diente ein ausrangierter Rodelschlitten, die Kasse kam aus dem heimischen Kinderkaufmannsladen, zur Verpflegung reichte eine Tüte Treets.

Links neben mir bot der um nur 1 Jahr ältere Nachbar die von seiner Oma gekochte Hühnersuppe aus einem riesigen Zauberkessel feil, das Tässchen für 99 Pfennig. Sein Geschäft florierte, er machte in einer Stunde fast 60 Mark, ich trollte mich im Dunkeln mit schmaler Börse frustriert nach Hause und beschloss, Kommunist zu werden. Dass dem Professorensohn mit der Suppe kein Lebensmittelkontrolleur das Handwerk legte, scheint aus heutiger Sicht undenkbar – damals interessierte es keine Sau. War irgendwie auch ganz schön.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de

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