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Wann gilt der Mensch als gebildet?

Gästebuch: Vieles hat sich geändert im Pflichtprogramm der Gymnasien für das Abitur. So ist Goethes "Faust" nur noch eine Option. Das kann Auswirkungen auf unsere kulturelle Identität haben.

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Wann gilt der Mensch als gebildet? Wenn er drei Sprachen beherrscht? Oder muss er Einsteins Relativitätstheorie erklären können? Oder ein zweites Staatsexamen aufweisen? Oder vielleicht ein drittes? Das sind Fragen, die sich manche stellen, nachdem jetzt der Freistaat Bayern seine Lehrpläne für das nächste Schuljahr geändert hat. Ebenso wie Nordrhein-Westfalen und auch Niedersachsen schon vor Jahren.

"Fuck you Göthe", sagte man sich an der Leine und strich den "Faust" aus dem Pflichtprogramm fürs Abitur. Seitdem ist es auch in den Gymnasien zwischen Barßel, Friesoythe, Cloppenburg und Löningen nicht mehr Pflicht, Goethes Hauptwerk, den "Faust", zumindest Faust I, der Tragödie erster Teil, im Unterricht zu behandeln. Der Untergang des Abendlandes? Das ist die Gretchenfrage.

Gibt es Bücher, die man gelesen haben muss, um Mensch zu sein. Und darf er's sein? Sprachen sind wie Schall und Rauch und am Ende der Schulzeit stehen doch alle da wie arme Tore und sind so klug als wie zuvor. Früher hieß das "richtige" Abitur "humanistisches" Abitur. Latein gehörte dazu und meist auch Griechisch, um Sokrates und Cicero im Original lesen zu können.

"Die literarische Entrümpelung strich den ‚Faust‘ von der Liste der Pflichtlektüre und stufte ihn zur Option herab.“Otto Höffmann

Das Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg, damals einziger Ort und Hort der klassischen Bildungsvermittlung, war geprägt durch die Altphilologen. Viele schienen sich wegen ihres Aussehens als Nebendarsteller in der "Feuerzangenbowle" etwas Geld dazu zu verdienen. Jahrzehnt für Jahrzehnt bröckelte dieser Anspruch bürgerlicher Bildung. 9 Jahre Latein dampfte man auf 7 oder 5 Jahre ein, Griechisch wurde ganz gestrichen. Und viele halten ja heute auch noch Latein für gänzlich überflüssig. Na ja, da kann man auch anderer Meinung sein.

Wenn man heute nur einen Teil der Worte, die wir als geflügelt bezeichnen, aufzählte und fragte, in welchem Werk die Worte auftauchten, würde mancher antworten: Um so etwas zu wissen, müsste man ja schon Abitur haben. Und das stimmte bis jetzt ja auch. Dann stürzte man Goethe vom Thron. Die literarische Entrümpelung strich den "Faust" von der Liste der Pflichtlektüre und stufte ihn zur Option herab. Muss man nicht lesen, kann man, wenn man will.

Manche meinen, Schule habe auch die Aufgabe, kulturelle Identität zu vermitteln. Da gehöre ein Werk wie Goethes "Faust" unbedingt dazu. Goethe sei ein Humanist und ein Universalgenie. Schillers "Räuber", Büchners "Woyzeck", Hesses "Steppenwolf" oder Thomas Manns "Buddenbrooks": alles große Literatur und mindestens im Leistungskurs beschäftigungswürdig. Aber "Faust", das ist doch noch mal eine andere Liga, wie wir heute sagen würden. Selbst moderne Literaten wie Siegried Lenz oder Günter Grass, sagen die Experten, spielten ja auch auf die Literatur der Vergangenheit an.

Insofern sei moderne Literatur "immer auch Spiegel des Gestern". Wenn für viele von Goethe nur der Klamauk mit Elyas M‘Barek in "Fack ju Göhte" bleibt oder "Die Legende von Paul und Paula" mit Musik der Puhdys von Goethes "Leiden des jungen Werther", dann ist ein Teil unserer kulturellen Identität verloren gegangen. So toll beide Filme auch sind, ohne Lesen nützt das alles nichts.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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