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Vor 75 Jahren ist die Lage katastrophal

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg begann auch in Bösel bei einem Nullpunkt. "wir übernahmen ein trauriges Ende", meinte auch Bürgermeister Nordenbrock.

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Erstes "Flüchtlingshaus" in Bösel: Die Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, fanden oft menschenunwürdige Bedingungen vor, bis der Rat die Notbremse zog und den Bau von Flüchtlingswohnungen beschloss. Foto: Archiv Pille

Erstes "Flüchtlingshaus" in Bösel: Die Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, fanden oft menschenunwürdige Bedingungen vor, bis der Rat die Notbremse zog und den Bau von Flüchtlingswohnungen beschloss. Foto: Archiv Pille

Vor 75 Jahren: Für Männer über 18 Jahre wird Anfang 1946 in der 97. Zuteilungsperiode ein Stück Rasierseife aufgerufen. "Als Bezugsberechtigung ist der gesamte Stammabschnitt der 87. Raucherkarte zu verwenden", heißt es in einer Anzeige des Wirtschaftsamtes in der Münsterländischen Tageszeitung. Und in Bösel sucht Horst Römer, der bei Bauern Heinrich Lanfermann wohnt, über den DRK-Suchdienst seine Familie aus Breslau, und Frieda Wossilat aus Bösel forscht nach Kurt Wossilat und Luise Freyer aus Königsberg.

75 Jahre ist es her, dass das Land Oldenburg dem Land Hannover als Verwaltungsbezirk Oldenburg eingegliedert wurde. Nach langen Verhandlungen und zäher Widerständen wurde aber bereits im folgenden November 1946 nach einer Verordnung der britischen Militärregierung das Land Niedersachsen gegründet. Der Oldenburger Landtag fand damit sein erneutes und endgültiges Ende. Auf die ersehnte Selbstständigkeit musste Bösel aber noch weitere 2 Jahre warten.

Die Situation der Dörfer war katastrophal: Auch 1946 kamen weitere Flüchtlingsströme aus der verlorenen Heimat und erreichten einen Landesteil, der sie vor große Herausforderungen stellte: extreme Lebenssituation bei der Unterbringung in Lagern, Läuse, Wanzen, Flöhe, Zwangseinweisungen in "Wohnungen", die oft Ställe waren.

Anton Nordenbrock. Foto: Archiv PilleAnton Nordenbrock. Foto: Archiv Pille

Es steht außer Zweifel, dass viele Menschen aus der ansässigen Bevölkerung den Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Krieg eher distanziert und abweisend als gastfreundlich begegnet sind. Was Integration meinte, das hatte sich von Anfang an vor allem auf den wirtschaftlichen Bereich des gesellschaftlichen Lebens bezogen. Zu Weihnachten 1946 war es in Bösel bemerkenswert, dass Bezugsscheine für 10 Fahrräder, 9 Fahrradschläuche, 5 Lampen und 5 Dynamos abgegeben werden konnten.

Dann eskalierten auch in Bösel die Probleme um die menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge, Einsprüche gegen Zuweisungen und Beschlagnahme von Wohnraum häuften sich. Der Rat zog die Notbremse und beschloss den Bau von Flüchtlingswohnungen durch die Gemeinde.

Nordenbrock verhandelt mit Alliierten über einen Bürgermeister

Im gleichen Jahr begann auch in Edewechterdamm der Neubau der zerstörten Häuser, viele Oldenburger kamen mit dem Bus­unternehmen "Pekol", um für Torfscheine zu helfen. "Unser Los ist bitter", schrieb der Chef der Vehnemoor-Gesellschaft, Franz Mecking, an einen Freund im Ausland, "aber man darf nicht rückwärts schauen, sondern man muss trotz allem den Blick in die Zukunft richten". Den Wiederaufbau trieb er in den folgenden Jahren mit unverzagtem Aufbauwillen voran.

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wird auch Anton Nordenbrock politisch aktiv und verhandelt mit den Alliierten über die Bestellung eines Bürgermeisters. Er selbst gehört dem eingesetzten Gemeinderat an. Als 1946 der erste Gemeinderat gewählt wird, ist "Kaorls Anton" wieder dabei. Ein Jahr später wird er zum Bürgermeister der Großgemeinde Altenoythe gewählt.

Franz Mecking. Foto: Archiv PilleFranz Mecking. Foto: Archiv Pille

Die Zeit des Wiederaufbaus begann auch in Bösel bei einem Nullpunkt. Nordenbrock sagte später in einem Rechenschaftsbericht: "Wir übernahmen ein trauriges Erbe." Auch als Bösel 1948 wieder selbständig wird, bleibt der Osterloher Bürgermeister und erwirbt sich große Verdienste um die Eingliederung der Flüchtlinge und die Bereitstellung von Bauland für Kleinsiedlungen.

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