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Von wegen Stille Nacht, Heilige Nacht

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Unser Lebensstandard hat sich in den vergangenen Jahren gebessert – zum Glück. Doch leider gilt das nicht für alle Menschen.

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Ich erinnere mich noch gut an Weihnachten in meiner Kindheit. Meine Eltern hatten eine Bäckerei und arbeiteten in der Vorweihnachtszeit bis zur Erschöpfung. Die vielen süßen Leckereien mussten ja irgendwo herkommen.

Gearbeitet wurde bis in den Heilig Abend hinein. Später zog mein Vater seinen schwarzen Anzug an und ging zur Beichte. Sobald er zurück war, wurde die Weihnachtsglocke geläutet und für uns Kinder begann das Christfest. Es wurden Weihnachtslieder gesungen und dann endlich kam die Bescherung. Einmal hatte ich mir so sehr ein Steifftier gewünscht. Aber unterm Christbaum stand nur ein Puppenwagen mit Puppe. Ätzend, mit Puppen spielen war nun wirklich nicht meins!

Nach dem Essen schlief Papa dann gewöhnlich ein. Damit war Heilig Abend bei uns gelaufen. Also sind wir zu den Nachbarskindern, um uns gegenseitig unsere Geschenke zu zeigen. Dabei wurde auch noch eine Verwendung für den ungeliebten Puppenwagen gefunden. Ich habe damit Nachbardackel "Quitty" durch die Gegend gefahren, der meistens ohnehin zu faul zum Laufen war.

Am Morgen des ersten Weihnachtstages stand mein Vater früh auf, um die vorbestellten Torten fertigzumachen. Erst ab Mittag kam dann auch bei uns langsam etwas Feiertagsstimmung auf. Der zweite Weihnachtstag gehörte dem Besuch von Verwandten und der Vorbereitung auf den nächsten Werktag, der für Bäcker früh begann.

"Es waren Wiederaufbauzeiten und die Arbeit stand im Vordergrund. Persönlichen Wünschen und Bedürfnissen nachzukommen, war eher verpönt" Elisabeth Schlömer

Auch wenn ich nicht wirklich was vermisst habe, war Weihnachten in meiner Kindheit oft nicht gerade "Stille Nacht, Heilige Nacht". Es waren Wiederaufbauzeiten und die Arbeit stand im Vordergrund. Persönlichen Wünschen und Bedürfnissen nachzukommen, war eher verpönt. Aber der Lebensstandard verbesserte sich stetig.

Gott sei Dank hat sich diese Einstellung geändert. Die Verbesserung der Work-Life-Balance hat einen Stellenwert bekommen, der früher nicht zu erahnen war. Aber leider nicht für alle.

Wenn ich an Weihnachten denke, kommen mir insbesondere die Arbeitsmigranten auf den Schlachthöfen in den Sinn. Sie arbeiten und leben vielfach unter menschenunwürdigen Verhältnissen und werden mit Niedriglöhnen abgespeist. Ihr Lebensstandard hat sich Im Gegensatz zu früher bei uns im Laufe der Jahre kaum verbessert. In Corona-Zeiten werden sie häufig angefeindet, weil in ihrem Umfeld die Inzidenzen aufgrund widriger Lebens- und Arbeitsbedingungen besonders hoch sind. Ein erster Schritt zur Verbesserung ihrer Lebenssituation wäre sicherlich die geplante Erhöhung des Mindestlohns. Angesichts der sich abzeichnenden Inflation kann es aber nur ein erster Schritt auf dem Weg in eine lebenswertere Zukunft für diese Menschen sein, die mit ihrer Arbeit auch zum Wohlstand unserer Region beitragen.

Damit es ein schönes Weihnachtsfest wird, sollten wir gerade in Corona-Zeiten den Spruch beherzigen: “Weihnachten ist, wenn die besten Geschenke am Tisch sitzen und nicht unterm Baum liegen“! Also schenk mal wieder Zeit! Vielleicht auch etwas für Sie?


Zur Person:

  • Elisabeth Schlömer (65) wohnt in Cloppenburg.
  • Sie war Leiterin des Ludgerus-Werkes Lohne bis zu ihrem Ruhestand 2019. Momentan ist sie ehrenamtlich tätig bei den "Machern – zu jung um alt zu sein" und beim SKF Cloppenburg.
  • Die Autorin erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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