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Von gebrochenen Knochen

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Was der Ukrainekrieg und seine Folgen, eine ältere Dame, die hingefallen ist, und eine Anekdote über gebrochene Knochen gemeinsam haben.

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Warum sollte ich frieren, nur weil in der Ukraine Krieg ist? Oder: Warum hat der Asylbewerber ein Mobiltelefon? Warum bekommt er Sozialhilfe, wenn er sich ein Telefon leisten kann? Diese und ähnliche Fragen habe ich in verschiedensten Zusammenhängen schon gehört. Sei es nun, dass der Fragende etwas Sozialneid durchscheinen lässt, man selbst etwas vom Leben gebeutelt ist und seinen Frust über eben jenes loswerden muss. Die Gründe für ein solches Verhalten sind vielfältig und in ihrer Nachvollziehbarkeit zwischen vollkommen absurd und wirklich die Situation hinterfragend.

Szenensprung: Ein alte Frau liegt vor einem Supermarkt. Niemand hilft ihr auf oder schaut, wie es ihr geht. Geschlagene 1,5 Stunden vergehen, bevor sich jemand erbarmt, den Rettungsdienst zu rufen. An anderer Stelle stirbt ein Mann alleine in seiner Wohnung. Erst als ein unvergleichlicher Geruch das Treppenhaus verpestet, ruft jemand die Polizei, damit diese nach dem Rechten schaut. Statistisch hält nur noch jeder Zehnte bei einem Autounfall und hilft.

Was all diese Geschehnisse gemeinsam haben, ist die Art und Weise, wie sie den Stand unserer momentanen Gesellschaft beschreiben. Ein voranschreitender Individualismus, manch einer spricht entnervt schon vom sogenannten „Hyperindividualismus“, durchdringt Werbung und Weltanschauung. Er führt mitunter zu absurd hohen Anforderungen des Einzelnen an die Gesellschaft. Ich will nicht bewerten, inwieweit die Gesellschaft Rücksicht auf das Individuum und andersherum das Individuum auf die Gesellschaft nehmen muss. Ich finde es nur schwierig, wenn etwa die Werbung schon suggeriert, es gehe um nichts mehr als einen selbst.

„'Unterm Strich zähl' ich': Dieser Werbeslogan steht für mich mit vielen anderen sinnbildlich für das, was zu einem falschen Bezug zu unserer Gesellschaft führt.“Sören Kemnade

„Unterm Strich zähl' ich“: Dieser Werbeslogan steht für mich mit vielen anderen sinnbildlich für das, was zu einem falschen Bezug zu unserer Gesellschaft führt. Wir sind nicht nur Profiteure unseres Wohlstands. Es geht eben nicht nur um mich. Es geht um viele. Uns alle.

Seien es nun die bald überwundene Pflicht, Maske zu tragen, oder die hohen Energiepreise. Manchmal müssen wir Dinge für das Gemeinwohl ertragen, die uns absolut nicht schmecken. Daran erinnern mich jeden Tag meine kalte Wohnung und die monatlichen Abbuchungen meines Energieversorgers.

Zivilisiertheit sei zum Menschen gekommen, als wir anfingen, uns um andere zu kümmern. Nach einer modernen Anekdote habe die Kulturanthropologin Margaret Mead einmal in einer Vorlesung zu ihren Studenten gesagt, Zivilisiertheit hätte mit der Heilung eines Menschen begonnen, dessen Bein gebrochen war. Er sei nicht zurückgelassen worden, sondern seine Sippe habe sich um ihn gekümmert, die Verletzung versorgt, mit der Weiterreise gewartet, bis der Leidende wieder gehen konnte. Auch wenn diese moderne Anekdote bereits von anderen Anthropologen als zu einfach in ihrer Aussage über Zivilisation entlarvt wurde und Margaret Mead wahrscheinlich niemals so simpel Zivilisation beschrieben hat, enthält die Geschichte doch einen wahren Kern.

Solange wir auf andere Rücksicht nehmen, uns um sie kümmern, unserem Nächsten die Hand reichen, egal wie es ihm oder mir geht, erreichen wir Zivilisiertheit. Und sorgen dafür, dass es der Gesellschaft und damit auch uns selbst etwas besser geht. Ein weiser Mann soll vor 2000 Jahren einmal gesagt haben: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“


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