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Von Fehlern, Freundschaften und Fesseln

Kolumne: Generation Z zeigt's Ihnen – Ein Germanistik-Studium lehrt einen mehr als nur Taxifahren. Zum Beispiel, dass Sprache ein wichtiges Instrument der Gesellschaft ist.

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Gestatten, ich bin Fenja Hahn und neue Volontärin. Jetzt mögen sich die Lesenden fragen, wie kommt man zu einem Volontariat bei einer Zeitung? Hat sich niemand gefragt? Ich erzähle es trotzdem. Mein Weg ging, wie der vieler Kollegen und Kolleginnen auch, über ein Studium. Germanistik – die Erforschung der deutschen Sprache und der deutschsprachigen Literatur.

"Und was macht man dann damit?", lautet die oft gehörte Frage. Taxifahrerin werden – denn, wer nicht auf Lehramt studiert, lernt schließlich brotlose Kunst. Aber seht her, liebe Zweifelnden, ich verdiene mein Brot damit, dass ich über Brot schreibe. Ich erkenne aber neidlos an, dass ein "Master of Science" praxisnaher klingt als ein "Master of Arts".

Apropos Praxisnähe: Das Gesangsduo "Das Lumpenpack" besingt in einem Lied, dass es sich als Freunde mehr Monteure als Pädagogen wünscht. Denn Klempner*innen und Fliesenleger*innen sind gern gesehene Gäste bei jedem Umzug. Als Germanistin werde ich bloß mal gefragt, ob ich eine Hausarbeit korrigieren mag. Klar mag ich, die Frage ist bloß, ob die Freundschaft das aushält. Seltsamerweise mache ich mir auch mit der Angewohnheit, Verwechslungen von "als" und "wie" partout zu berichtigen, keine neuen Freunde.

"Wir sollten viele unserer sprachlichen Angewohnheiten loslassen und dabei weniger diskriminieren und mehr sensibilisieren."Fenja Hahn

Dabei warte ich noch auf den einen großen Moment, bei dem jemand ruft "Ist ein*e Germanist*in anwesend?". Und dann bin ich als Heldin mit meinem Rotstift zur Stelle. Bis es so weit ist, werde ich immer noch nervös, wenn mir gesagt wird: "Du bist doch gut in Rechtschreibung" und dann eine Frage dazu folgt. Kaum zu glauben, auch Akademiker*innen sind nicht von Fehlern befreit.

Ich habe aber neben Taxifahren noch andere, durchaus brauchbare Dinge in meinem bisherigen Leben gelernt. Zum Beispiel, dass Sprache ein unglaublich wichtiges Instrument unserer Gesellschaft ist. Und wir uns deswegen alle bemühen sollten, diese so inklusiv wie möglich zu gestalten. Das schließt ein Gendersternchen ein, geht aber auch darüber hinaus.

Die Worte des Menschenrechtsaktivisten Raul Krauthausen sind mir in Erinnerung geblieben. In einem Artikel über ihn war zu lesen: "Er ist an den Rollstuhl gefesselt." Krauthausens Antwort auf diese bildliche Umschreibung: "Sollten Sie tatsächlich jemanden treffen, der an einen Rollstuhl gefesselt ist, binden sie ihn los!" Wir sollten viele unserer sprachlichen Angewohnheiten loslassen und dabei weniger diskriminieren und mehr sensibilisieren.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) wirbt für diskriminierungsfreie Sprache. Vielfalt schreibt die Gewerkschaft groß. Selbstverständlich verwendet der DJV die orthografisch richtige Schreibweise. Das ist nur ein Beispiel für bildliche Sprache, die ebenso wie die Suche nach Synonymen oft auch unbeabsichtigt zu Diskriminierung führen kann.


Zur Person:

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