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Von einer Kriegstragödie bis zur Privataudienz beim Heiligen Padre Pio

Der Steinfelder Werner Westermann feiert am Samstag seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken.

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Foto: Timphaus

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Der Zweite Weltkrieg brachte seiner Familie eine Tragödie, während des Wirtschaftswunders war er auf Walz, später baute er den kleinen Bierverlag seines Vaters zu einem Getränkegroßhandel aus: Der Steinfelder Werner Westermann feiert am Samstag (1. August) seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar blickt zufrieden auf sein bewegtes Leben zurück. "Ich habe mich nie unterkriegen lassen", sagt er.

Werner Westermann ist das älteste von drei Kindern von Johannes und Maria Westermann, geborene Thomann (Südlohne). Zusammen mit seinen Eltern und seinen Geschwistern Walter und Maria wuchs der Schemder an der Dammer Straße in einem großen Haus mit Gaststätte und Herberge auf.

1944, während des Zweiten Weltkriegs, besuchte Westermann die Mittelschule in Damme. "Gelernt haben wir wenig", erinnert sich der Jubilar. Oft musste die Schule wegen eines Fliegeralarms geräumt werden. "Wir Schemder Jungs sind dann mit dem Rad aus Damme rausgefahren." Aus erhöhter Position beobachteten sie fasziniert die Luftkämpfe. "Die flogen in Formation; wie Gänse", sagt Westermann. Manchmal habe es so gewirkt, als sei der gesamte Himmel voll von den bis zu 100 Flugzeuge starken Verbänden.

Die Bomberexplosion vom 5. Dezember 1944

Am 5. Dezember 1944 kam es zur Katastrophe. Ein US-Bomber, der auf dem Weg ins ostwestfälische Herford war, hatte Probleme. "Drei Mal machte er einen Bogen über Steinfeld und kam dabei so tief, dass man ihn fast greifen konnte", berichtet Westermann. Er war damals auf dem Heimweg - und trödelte, was vielleicht sein Glück war. Schließlich stürzte der mit Luftminen beladene Bomber ab, etwa 40 Meter hinter Westermanns Elternhaus in einem Waldstück. Die Explosion und die nachfolgende Druckwelle deckten die Dächer im Dorf ab, keine Fensterscheibe blieb ganz.

"Ja, Werner. Jetzt haben wir nichts mehr."Johannes Westermann zu seinem Sohn Werner nach der Bomberexplosion vom 5. Dezember 1944

Das Haus der Familie Westermann war nur noch Schutt und Asche. In den Trümmern starben seine Mutter Maria, sein Bruder Walter und Nachbarin Wilhelmine Deters. 15 weitere Personen wurden verletzt. Westermann nimmt die Tragödie noch heute sehr mit. "Da stand ich nun und wusste nicht, wo ich bleibe", sagte er. Der damals 14-Jährige kam bei Verwandten unter. Seine siebenjährige Schwester lag schwer verletzt wohl ein halbes Jahr im Krankenhaus und wurde anschließend zu den Großeltern nach Südlohne gebracht.

Johannes Westermann war währenddessen im Krieg bei der Luftwaffe, erst Ende 1945 kehrte er nach Steinfeld zurück. Westermann erzählt, dass sein Vater drei Jahre für den Wiederaufbau des Hauses gebraucht habe. Er erinnert sich an den Satz: "Ja, Werner. Jetzt haben wir nichts mehr." Tränen fließen.

Nach der Tragödie: Das Leben geht weiter

Westermann begann dann eine Lehre als Schlachter. "Das lag in der Familie. Und ich musste schließlich was lernen", sagt er. Nach Stationen in Visbek und Dinklage begab er sich 1953 mit drei Berufskollegen, unter anderem war Otto Seeger dabei, auf Wanderschaft. Es ging nach Österreich, in die Schweiz und nach Italien. Durch die Mitgliedschaft in der Kolpingsfamilie erhielten die Gesellen oft freie Kost und Logis - außer in Italien, wo sie in Gräben, Parks oder Bahnhöfen übernachteten. In der Schweiz trafen er und Seeger zufällig auf den Steinfelder Leo Wienholt, der im Kanton Aarau als Gärtner arbeitete. Er schloss sich den Schlachtergesellen an.

Erst mehr als zwei Jahre später, am 26. Oktober 1955, sollte Westermann in sein Heimatdorf zurückkehren - mit dem Meisterbrief in der Tasche und der Liebe zu seiner späteren Ehefrau Johanna Traindt, genannt „Anni“, die er im Oktober 1959 heiraten würde. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Silvia, Matthias und Renate. Später wurde seine Frau schwer krank. Westermann pflegte sie mit Hingabe mehr als 17 Jahre lang - bis zu ihrem Tod 2019.

Mit den Geschichten, die Westermann während seiner Zeit auf Walz erlebte, könnte ein ganzes Buch gefüllt werden. Zwei prägende Begebenheiten: Die Teilnahme an gleich fünf Heiligsprechungen durch Papst Pius XII. in Rom im Juni 1954 - durch die Kontakte eines freundlichen Professors in den vordersten Reihen des Petersdoms - und eine Privataudienz beim Heiligen Padre Pio (Pio von Pietrelcina), um den sich bereits zu Lebzeiten ein Kult entwickelt hatte.

Heimischer Bierverlag statt eigener Schlachterei

Nach der Rückkehr nach Steinfeld wollte sich Werner Westermann eigentlich selbstständig machen. "Doch ich merkte schnell, dass mein Vater den Bierverlag allein nicht mehr bewältigen konnte." So stieg er in den Familienbetrieb ein, den sein Sohn Matthias heute in dritter Generation führt. Als Schlachter war er aber dennoch weiter häufig tätig, unter anderem im Schlachthof von Engelbert Boning, einst Europas größtem Kalbfleischproduzenten.

Der Bierverlag mit Gaststätte am damaligen Sportplatz von Falke Steinfeld wuchs. "Damals hatten die Leute erstmals nach dem Krieg wieder Geld und gönnten sich etwas", sagt Westermann. Er selbst brachte sich auch gesellschaftlich ein. So war er 1958/59 der Vorsitzende bei der Fusion der Männergesangsvereine Concordia und Frohsinn. Das legendäre Sängerfest 1959 war die erste Großveranstaltung, die er organisierte - es wurde ein riesiger Erfolg.

Die Kompanie Schemde und ihre Holzgewehre

Der Kolpingsfamilie, deren Mitglied er seit 1948 ist, blieb er stets treu. Den alljährlichen Marsch auf die Schemder Höhen hat der Schützenkönig von 1966 auch im vergangenen Jahr noch mitgemacht. Westermann sorgte laut eigener Aussage durch seine "jahrelange Stänkerei" auch dafür, dass die Kompanie Schemde demnächst mit Holzgewehren statt Stöckern aufmarschiert. Der passende Gewehrständer werde von ihm gestiftet und sei aktuell in Produktion, lacht er.

Werner Westermann spielte Fußball in vielen Vereinen des Landkreises. Er gehörte dem Ältestenrat des Sportvereins Falke Steinfeld an. Auch mit nun 90 Jahren ist er weiterhin täglich im Getränkegroßhandel – inzwischen im Krimpel angesiedelt - anzutreffen. Fit hält sich Westermann bei der Coronalsportgruppe des OSC Damme.

Westermann kocht leidenschaftlich gerne - häufig für die Familie. Der Kontakt zu seinen Kindern und den fünf Enkeln ist ihm wichtig. Seinen Geburtstag feiert der Jubilar aufgrund der Corona-Pandemie im engsten Familienkreis. OM online gratuliert herzlich zum Ehrentag.

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