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Von der Verheißung einer besseren Zukunft

Gästebuch: Ja, rasen kann man auf der Autobahn – nur nicht im Oldenburger Münsterland. Hier wird gestanden, und zwar im Stau.

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"Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn." Ein Knaller der Kultband "Kraftwerk", Jahrzehnte alt und immer noch eines der besten Stücke überhaupt. Freie Bahn und dann die Lautstärke hoch. Wie geil ist das denn? Natürlich ist man für eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Okay. Aber man darf ja wohl für ’n Mal gegen seine Prinzipien verstoßen. Und solange man gesetzlich darf, kann man ja auch mal. Und aus den Boxen links und rechts wechseln sich die Synthesizer ab. Whow.

"Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand." Hallo! Aufwachen! Nix is mit Kraftwerk, mit Kraftprotz oder Kraftpaket. Wir sind im Oldenburger Münsterland. Große Raserei ist anderswo. Meist sechsspurig geht es zwar jetzt durch unsere Heimat. Aber genützt hat’s nur wenig. Wir hier im Oldenburger Münsterland sind die Stau-Hochburg im Norden. Mehr als 2700 Stunden standen Autofahrerinnen und Autofahrer im Oldenburger Münsterland im Stau, und das in einem Jahr, nämlich 2022, haben findige Statistiker ausgerechnet. "Im Süden die Berge, im Norden das Meer und dazwischen: Teer. Aber wirklich nur Teer? Es gibt ja noch mehr! Ja, genau: Stau", spöttelt der Satiriker.

Vor Jahrzehnten in der Wirtschaftswunderzeit nahm der Autobahnbau Fahrt auf, schneller und immer schneller. Die Fernstraße war die Verheißung einer besseren Zukunft und zugleich individueller Freiheit. Cloppenburg und Vechta bitte weiträumig ausweichen, heißt es heute. Auch die Umleitungen sind überlastet. Nicht durch Cloppenburg fahren, nicht nach Vechta lenken. Minute für Minute rollen die schweren Lkw in den Stau hinein. Die Schlachthochburg Südoldenburg braucht die Autobahn zum Überleben. Rein in das OM, raus aus dem OM.

"Das blaue Band hat den Charme der frühen Jahre längst verloren."Otto Höffmann

Das blaue Band hat den Charme der frühen Jahre längst verloren. Unvergessen, als wir in der Ölkrise 1973 auf der Autobahn spazieren liefen. Nicht ahnend, dass die Zeit des grenzenlosen Wachstums, in der sich immer neue Autobahnrouten durchs Land fraßen, irgendwann zu Ende sein könnte. Bedenken ganz anderer Art hatte einst ein Kaufmann aus Molbergen, als vor Jahrzehnten die neue Autobahn A 29 eröffnet wurde, auf der man plötzlich mit Hochgeschwindigkeit von Cloppenburg nach Oldenburg rasen konnte.

Klostermann oder auch "Kloster-Gerd", der mit "Percent" statt mit "Prozent" rechnete, war durch und durch mit jeder Faser seines Herzens Kaufmann. Geschäfte in der Kreisstadt zeugen noch heute von seinem sagenhaften geschäftlichen Geschick. Er schimpfte und zeterte über die neue A 29, was das Zeug hielt. Warum? Nicht wegen Stau und Raser-Rausch. Nein, er befürchtete, ihm würden seine Kunden weglaufen, pardon: wegrasen, nach Oldenburg in die Einkaufs-Fußgängerzone oder nach Bad Zwischenahn zum Shoppen und Flanieren und zum Aal, wenn die Kundinnen und Kunden nicht mehr den beschwerlichen Weg über Benthullen, Hoheging und Wardenburg auf sich nehmen müssten.

Es kam dann doch nicht so schlimm, wie der umtriebige "Kloster-Gerd" befürchtete. Seine Geschäfte haben ihn und die A 29 überlebt. Also richten wir uns ein in der Stau-Hochburg des Nordens, im dennoch schönen Oldenburger Münsterland abseits der Autobahn. Dort, wo der Ruhrpöttler, wenn er im Stau steht, doch plötzlich eine landschaftliche Idylle entdeckt entlang des Betons und denkt: Vielleicht könnte man ja (beim nächsten Mal) rausfahren und dem Schild "Museumsdorf Cloppenburg" folgen. Oder ins Artland. Oder ins Ammerland.

Aber bitte kein Stau zur Güllezeit. Wer zu der Zeit unfreiwillig zwischen Bakumer Wiesen und Engelmannsbäke im Stau steht, bitte Fenster und Türen geschlossen halten. Ihm wird die Stau-Hochburg in prägender Erinnerung bleiben. Ewig stinken die Felder. Dann lieber Nase zu und durchrasen.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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