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Von der Milchkanne bis zur Grabenhexe

Kolumne: Batke dichtet – Milchkannen sind als Relikte der Vergangenheit ein echtes Stück Zeitgeschichte. Ganz dem Fortschritt wird mit ihr heutzutage sogar die Digitalisierung beworben.

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Das Ding ist aber sowas von Vintage und wird über einen großen Versandhändler vertrieben. Es ist 74 Zentimeter hoch, hat ein Fassungsvermögen von 50 Litern, Statusbeschreibung: „Gebraucht, in gutem Zustand“. Sie ahnen es längst, es geht um eine . . . Milchkanne. Ein Unikat, ein Sammlerstück, angeboten für 290 Euro zuzüglich 5,85 Euro Versandkosten. Ich bin mir sicher, dass dieses Stück Zeitgeschichte in irgendeinem deutschen Ziergarten als nostalgisches Exponat umrankt von Alpenrosen und Schilfgras landen wird.

Milchkannen sind Relikte der Vergangenheit, sollte man meinen. Was Mitglieder der jüngeren Generation kaum noch wissen: Sie bestimmten über weite Strecken auch das Erscheinungsbild unserer Region. Man sah sie verbreitet am Straßenrand, in ihnen lagerte die frisch gezapfte Milch, die von den Sammelwagen zu den Molkereien, die es in fast jedem der größeren Orte gab, transportiert und dort verarbeitet wurde.

Das ist Geschichte, aber so ganz ist die Milchkanne noch nicht im Antiquariat oder im Gartenbeet verschwunden. Jedenfalls wird mit ihr geworben, wenn es um eine der neuesten technischen Errungenschaften geht. „Wir bauen Highspeed-Internet. Bis an jede Milchkanne“, prangt es von einigen Transparenten – Bund, Land und Kommunen preisen mit diesem markigen Slogan die digitale Revolution auf dem Lande.

"Die moderne Milchkanne ist der vom Smartphone gesteuerte Melkroboter mit angeschlossenem temperaturregulierten Milchtank."Alfons Batke

Die moderne Milchkanne ist der vom Smartphone gesteuerte Melkroboter mit angeschlossenem temperaturregulierten Milchtank. Da will der Landwirt von heute vernetzt sein. Dementsprechend wird gewühlt an unseren Feldwegen, man sieht Bautrupps aus allen Teilen der Republik, sogar niederländische Kabel- und Rohrverleger sind unterwegs. Nicht immer zur Erbauung der Auto- und Radfahrer, aber was soll's, wenn es dem Fortschritt dient.

Nun bin ich überhaupt kein Experte in Sachen Baumaschinen und habe auch als Kind nicht mit Fischer-Technik gespielt, aber einer dieser modernen Bagger namens „Ditch Witch“ (was sich leicht als „Grabenhexe“ übersetzen lässt) ist mir schon mehrfach ins Auge gestochen. Sieht ein bisschen so aus wie das erste Mondauto aus den frühen Siebzigern und erweckt den Eindruck, als könne man damit auch nach Gold graben.

Technischer Fortschritt allerorten, auch wir daheim blieben davon nicht verschont. Uns wurde die Glasfaser ins Haus gelegt, und um die entsprechende Leitung anzapfen zu können, hat eine im Emsländischen ansässige Firma auf der dem Grundstück gegenüberliegenden Seite ein veritables Bauloch ausgehoben. Das war im August, und einer der freundlichen Bauarbeiter verabschiedete sich mit den Worten: „Morgen kommen Kollege, machen zu.“ Nun, das ist bis heute nicht geschehen, wir blicken immer noch in das von rot-weißer Absperrung umgebene Loch, wo sich ein wenig Müll und Laub auf die Kabelstränge gelegt hat. Wer weiß, vielleicht haben wir etwas im Glasfaservertrag übersehen und müssen es selber zuschütten. Dafür würde ich mir dann aber eine Grabenhexe zu Weihnachten wünschen. Wish a Ditch Witch!


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autoren erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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