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Von Bildern und Rahmen

Kolumne: Auf ein Wort – Das wirkliche Ostergemälde, die Auferweckung Christi von den Toten, bringen wir in jedem Gottesdienst zur Sprache. Aber das nehmen viele Menschen nicht mehr wahr.

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Stellen Sie sich vor, Sie besuchen das Reichsmuseum in Amsterdam und stehen vor dem wuchtigen Gemälde Rembrandts: „Nachtwache“. Der Andrang ist groß. Doch sie haben ihre Nische gefunden. Sie verweilen, Sie versenken sich in das Bild und je länger Sie davorstehen, desto mehr spricht das Bild zu Ihnen. Hell und Dunkel, die Gesichter beginnen zu erzählen. Dann steht neben Ihnen jemand, atmet tief durch und sagt ergriffen. „Was für ein Rahmen! So schlicht und dennoch gediegen, genial.“

Ich nehme an, Sie schütteln den Kopf, schauen sich den Menschen an und verstehen die Welt nicht mehr. Wie kann man bei einem Gemälde von Rembrandt den Rahmen in die Mitte stellen? Gut, ein Rahmen sollte immer zum Bild passen, aber sich doch nicht verselbstständigen.

Ob wir Rahmenliebhaber geworden sind, wenn es um das Bild von Ostern geht? Der niedliche Osterhase aus Schokolade (er sei Jung und Alt von Herzen gegönnt), die bunten Eier, die Ostereiersuche mit Kindern und Enkeln im Garten oder auf dem Balkon. Ja, es mehren sich Familien, die aus Ostern ein kleines Weihnachtsfest machen, es gibt Geschenke. Das alles ist schmückendes Beiwerk, Rahmen des Osterfestes, aber doch nicht Inhalt.

"Was trägt diese Menschen? Was gibt ihnen Kraft? Was gibt ihnen Hoffnung? ... Schokoladeneier?"Jörg Schlüter

Das wirkliche Ostergemälde, die Auferweckung Christi von den Toten, bringen wir in jedem Gottesdienst zur Sprache: „Ich glaube ... an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Genau dieses Ostergemälde aber nehmen viele Menschen nicht mehr wahr. So läuft das Bild Gefahr, in seiner ganzen Farbenpracht und Schönheit übersehen zu werden. Ostern? Das sind 2 Feiertage, wunderbarer Rahmen. Und wer an diesem Rahmen sägt, zum Beispiel mit der Frage, ob denn 2 Feiertage für einen Rahmen ohne Bild nicht zu viel sind, na, der bekommt aber etwas zu hören.

Das Statistische Bundesamt hat in Zahlen festgehalten, dass im Jahr 2020 in Deutschland knapp 985 000 Menschen gestorben sind, das sind gut 50 000 mehr als jährlich zwischen 2017 bis 2019. Corona hat ein gemeinsames Trauern zusätzlich schwer gemacht, weil durch die Ansteckungsgefahr teilweise nur 10 Personen an einer Trauerfeier teilnehmen durften. Hochgerechnet sind das gut 9 Millionen Personen, die sich im letzten Jahr mit Sterben und Tod auseinandersetzen mussten. Was trägt diese Menschen? Was gibt ihnen Kraft? Was gibt ihnen Hoffnung? ... Schokoladeneier?

Für mich hat niemand das Osterbild schöner und tiefer mit Worten gemalt, als der Evangelist Johannes, der Jesus hat sprechen lassen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Was für ein Trost, für die, die trauern: „Ihr sollt auch leben.“ Was für ein Halt für die, die die Grenze vom Dunkel zum Licht noch überschreiten werden: „Ihr sollt auch leben.“

Die Bibel malt Bilder, vor denen man stehen bleiben, in deren Schönheit man versinken und spüren kann: Das Leben wird nie aufhören, nie!


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Den Autor erreichen Sie über info@ov-online.de.

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