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Vechtaer Forscher: Kinder können früh wissenschaftlich denken

Professor Dr. Christopher Osterhaus hat wegweisende Studien durchgeführt. Er mahnt zur Förderung in Grundschulen. Es geht um die Kompetenz, um auch als Erwachsener richtige Entscheidungen zu treffen.

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Systematische Beobachtung: Kinder entwickeln früh Theorien über ihre Umwelt und überprüfen ihre Annahmen. Symbolfoto: dpa / Kästle

Systematische Beobachtung: Kinder entwickeln früh Theorien über ihre Umwelt und überprüfen ihre Annahmen. Symbolfoto: dpa / Kästle

Wie sehr sind Kinder zu wissenschaftlichem Denken fähig? Von welchen Faktoren hängt diese Kompetenz ab? Wie können bereits sehr junge Kinder in die Lage versetzt werden, bessere Urteile über die Realität zu fällen?

Das sind Fragen, mit denen sich der Junior-Professor Dr. Christopher Osterhaus von der Universität Vechta befasst, Entwicklungspsychologe im Handlungsfeld Schule. Am Dienstagabend stellte er seine Erkenntnisse auf Einladung der Universitätsgesellschaft Vechta (UVG) in einer Video-Veranstaltung vor.

Osterhaus hat mit seiner Kollegin Professorin Dr. Susanne Koerber von der Pädagogischen Hochschule Freiburg „die wohl umfassendste Studie“ zum Thema Kinder und wissenschaftliches Denken durchgeführt, wie der UVG-Vorsitzende Uwe Bartels eingangs betonte. Er verwies auch auf das große Echo in den Medien. „Das ist großartig und freut uns natürlich auch als Standort Vechta“, sagte Bartels, dessen Verein UVG sich in einer Mittlerfunktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sieht.

Für das bestmögliche Verhalten ist es unerlässlich, Daten interpretieren zu können

Welche gesellschaftliche Bedeutung die Forschungen von Osterhaus haben, der mit fünf Wissenschaftlerinnen aus anderen Ländern kooperiert, erklärte der Wissenschaftler selbst. Und zwar am Beispiel der Corona-Pandemie oder des Klimawandels. Es sei „sehr wichtig, dass wir als Bürger in der Lage sind, wissenschaftlich begründete Urteile zu fällen“, sagte er. Es sei unerlässlich, wissenschaftliche Erkenntnisse interpretieren zu können, Daten und Evidenzen (faktische Gegebenheiten) zu nutzen – für das bestmögliche Verhalten.

Dass auch unter Erwachsenen die Schwierigkeiten ausgeprägt sind, korrekte Urteile anhand von Daten und ihren Beziehungen zu fällen, zeigte Osterhaus anhand von Studien auf. Doch die eigentliche Überraschung ergab sich bei Vergleichen mit Studien, wie Kinder Daten auswerten: „Es gab keine eklatanten Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen in der Anwendung der korrekten Strategie“, sagte Osterhaus.

Kinder schnitten beim Auswerten von Daten erstaunlich gut ab

Zwar sei das schlechte Abschneiden der Erwachsenen erstaunlich gewesen, viel erstaunlicher aber sei, „dass Kinder recht gute Leistungen zeigen“. Wendeten etwa 45 Prozent der Erwachsenen die korrekte Strategie an, lag die Quote bei den Kindern bei etwa 30 Prozent. „Der Unterschied ist wesentlich geringer, als man ihn erwartet hätte“, sagte Osterhaus.

Das passe zu dem Bild, das sich immer mehr in der Forschung zeige. Osterhaus: „Junge Kinder streben von Natur aus danach, kausale Zusammenhänge in der Welt zu ergründen“. Um dies zu erreichen, würden sie ihre Umwelt systematisch erkunden.

Bereits Kleinkinder würden auf der Grundlage ihrer Annahmen nach Übereinstimmungen und Abweichungen (Kontingenzen) sowie nach Regelmäßigkeiten suchen. Dabei komme es auch zur Weiterentwicklung der intuitiven Theorien.

Internationales Echo auf Forschung: Der Entwicklungspsychologe Professor Dr. Christopher Osterhaus während der Videoveranstaltung. Foto: TzimurtasInternationales Echo auf Forschung: Der Entwicklungspsychologe Professor Dr. Christopher Osterhaus während der Videoveranstaltung. Foto: Tzimurtas

Osterhaus stellte auch heraus: „Es zeigt sich immer mehr, dass bereits sehr junge Kinder in der Lage sind, die Logik eines kontrollierten Experiments zu verstehen.“

Wie aber genau diese Fähigkeit sich entwickelt, eben dazu hat Osterhaus zwei Langzeitstudien über fünf Jahre hinweg durchgeführt. Die eine davon untersucht, wie sich das wissenschaftliche Denken und die Forschungskompetenz vom Kindergartenalter bis zum Ende der Grundschule entwickelt. Die andere Studie nahm die Entwicklung in den Klassenstufen 6 bis 10 in den Blick.

Bereits im Kindergartenalter zeigen sich deutliche Unterschiede

Auf eine jeweilige Querschnittstudie zu Beginn folgten weitere im Jahresrhythmus, so dass sich am Ende eine sogenannte Längsschnittstudie ergab. Um das Forschungsziel zu erreichen, wurden eigens methodische Instrumente entwickelt.

Zu den Ergebnissen: „Bereits im Kindergartenalter zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Kindern“, sagte Osterhaus. Ungefähr 28 Prozent der Kinder lagen „im oberen Leistungsspektrum“, was durchaus eine große Zahl sei. Andere Kinder hätten aber noch Probleme gehabt.

Außerdem: Die individuellen Unterschiede seien im Verlauf der Grundschule „sehr stabil“ gewesen – unabhängig von den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten (Intelligenz). Ähnlich war es mit den Ergebnissen in der Sekundarstufe.

Forschung auch zu Faktoren, die das wissenschaftliche Denken beeinflussen

Osterhaus fand auch heraus: Die Kinder, die schlechtere Strategien angewendet hatten, waren zudem sowohl in Mathematik als auch im wissenschaftlichen Denken schlechter. Grundsätzlich sagte Osterhaus: Wer nicht gut im wissenschaftlichen Denken sei (Verständnis vom Ziel der Wissenschaft), habe auch Probleme damit, Daten zur Effektivität von Medikamenten oder Corona-Impfungen korrekt zu interpretieren.

Osterhaus forschte auch zu den Faktoren, die die Entwicklung wissenschaftlichen Denkens beeinflussen. Eine große Rolle würden die Sprachkompetenz, der Bildungsstatus der Eltern und die Fähigkeit der Kinder, sich in andere hineinzuversetzen spielen. Je mehr diese Faktoren vorlagen, desto besser war die Kompetenzentwicklung beim wissenschaftlichen Denken. Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen fielen nicht ins Gewicht.

Frühe Unterschiede werden in der Grundschule nicht ausgeglichen

Der Befund zeige, dass die Grundschule wahrscheinlich nicht besonders gut darin sei, frühe Unterschiede zwischen Kindern auszugleichen. Die Einflüsse der Familie seien maßgeblich für die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens über den gesamten Verlauf der Grundschule hinweg.

Sehr interessant sei, dass es „signifikante Unterschiede“ gerade bei  Kindern, die sich früh in andere Kinder gut hineinversetzen können, zu Altersgenossen gebe, die das weniger vermögen. Das habe damit zu tun, dass Wissenschaft etwas Soziales ist, das Verstehen der Denkweise des Gegenübers beinhalte.

"Gedankenlesen" entwickelt sich zeitgleich mit wissenschaftlichem Denken

Dieses „Gedankenlesen“ sei eine sehr komplexe Fähigkeit. Sie entwickele sich in der mittleren Kindheit, zeitgleich mit dem wissenschaftlichen Denken. Wie dieses „Gedankenlesen“ genutzt werden kann, um wissenschaftliches Denken zu fördern, will Osterhaus in der nächsten Zeit erforschen, unter anderem in Kooperation mit der Wissenschaftlerin Serena Lecce von der Universität Pavia.

Sie habe „sehr interessante Trainingsprogramme entwickelt“, die in Grundschulen eingesetzt werden könnten. Die Methode beziehe sich auch auf das Leseverständnis, bei dem es ebenso um das Verstehen anderer Perspektiven gehe.

Osterhaus: „Wir gehen davon aus, dies nutzen zu können, um auch das wissenschaftliche Denken zu fördern“. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, müsse in der Schule mehr gefördert werden. „Das scheint Effekte auf sehr viele Aspekte zu haben“, sagte er.

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