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Urlaub – ver-rückte Zeit

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Ich bin dann mal weg. Im Urlaub. Da dürfen wir alle ein wenig verrückt sein, wenn wir Rollen annehmen. Nur nicht vergessen: Wir sind mehr als unsere Rollen!

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Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann bin ich im Urlaub. Urlaub – das meinte ursprünglich die Erlaubnis, sich vom Hof des Lehnsherrn oder aus der Dienststelle zu entfernen. Mit Verlaub – ich bin dann mal weg. Vom Üblichen ins Außergewöhnliche. Vom Alltag in die Anderswelt. Im Urlaub können wir die Normalität ein wenig ver-rücken, dürfen wir ein wenig verrückt sein.

Nun sind gewiss nicht alle Urlauber verrückt. Manche pflegen das dolce far niente, das süße Nichtstun oder Chillen. Andere tun auf Studienreisen auch im Urlaub etwas für ihre Bildung. Einige schlagen – meist alkoholisiert – über die Stränge, was weniger ungewöhnlich ist als das hemmungslose Ausleben einer ziemlich gewöhnlichen Unart.

Doch viele Urlaubs-Verrücktheiten sind ein liebenswerter Ausbruch aus der vernünftigen Routine: Nicht mehr ganz junge Paare verlassen ihre komfortablen Einfamilienhäuser und leben ziemlich beengt auf 8 bis 12 Quadratmetern im Wohnmobil. Respektable Damen, vorzugsweise Studienrätinnen und Pastorinnen, ziehen mit Eseln oder Lamas durch deutsche Mittelgebirge. Und Menschen, die sonst kaum eine Kirche betreten, schleppen als Pilger ihren Rucksack Richtung Santiago. Ziemlich verrückt. Aber mir ist diese Urlaubs-Verrücktheit sehr sympathisch.

"Nimm die Rollen an, die dir das Leben anvertraut und abverlangt, die beruflichen wie die privaten, aber geh nicht in ihnen auf."Dr. Heinrich Dickerhoff

Denn auch ich spiele im Urlaub verrückt. Buchstäblich: Ich fahre zu einem Liverollenspiel. Das ist eine Mischung aus Geländespiel, Karneval, Improvisations-Theater und Lagerfeuerromantik. Einige tausend Menschen aus verschiedenen Ländern zelten um einen Hügel im Wald und tauchen ein in eine Spielwelt, die ans Mittelalter erinnert und an den „Herrn der Ringe“. Wilde Kriegerinnen, stolze Ritter und gewissenlose Söldner, Händler, Heilerinnen und Magier, blutrünstige Orks, raubeinige Zwerge und feinsinnige Elben schlagen sich die Nächte um die Ohren und manchmal auch die Schwerter – die freilich aus Latex sind und keinen Schaden anrichten. Warum tun sie das? Um im Wettstreit möglichst viele Dracheneier aus Styropor zu gewinnen? Verrückt! Ein Riesenspaß. Zweckfrei. Sinnfrei.

Obwohl: Auch wenn es nur ein Spaß ist – wenn ich mein Zelt aufgestellt habe und in meine Gewandung schlüpfe, meine Rüstung anlege und mein Schwert umgürte, dann geht mir etwas auf, das auch für mein normales Leben gilt. Nimm die Rollen an, die dir das Leben anvertraut und abverlangt, die beruflichen wie die privaten, aber geh nicht in ihnen auf. Irgendwann enden alle Rollen, die Kinder gehen aus dem Haus, wir gehen in Rente, im Wahlamt sind andere dran. Irgendwann endet auch das Leben. Wir können leichter und mit Anstand Abschied nehmen von all diesen guten Aufgaben, wenn wir wissen: Wir sind mehr als unsere Rollen. Diese Einsicht ver-rückt manche ziemlich verrückte Normalität. Und im Urlaub geht das Ver-rücken besonders leicht. Im Wohnmobil. Ein Lama am Zügel. Auf dem Pilgerweg. Oder auch in Elbengewandung.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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