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Unklare Abschiede

Kolumne: Auf ein Wort – Es gibt verschiedene Arten von Abschieden. Und ebenso unterschiedlich gehen wir mit ihnen um, wollen sie mitunter nicht wahrhaben.

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"Mein Vater starb letzten August. Das ist jetzt bald 40 Jahre her." Mit diesem Satz leitet der Kulturjournalist und Moderator Roger Willemsen eines seiner Bücher ein. Er spricht von einem Abschied, der noch unwirklich ist. Darum geht es auch am Fest Christi Himmelfahrt. Jesus hat sich nach Ostern verabschiedet. Deutlicher kann er nicht werden.

Aber die Jünger halten ihn mit ihren Blicken fest. Sie wollen ihn nicht loslassen. Was sie da praktizieren, nennt die Psychologin Pauline Boss einen "unklaren Abschied". Sie hat in ihrer therapeutischen Arbeit Menschen begleitet, die einen zwiespältigen Verlust erlitten haben. Das begann für sie nach dem Vietnamkrieg. In vielen Familien gab es zu der Zeit Söhne, Brüder, Väter, die als Soldaten in den Krieg gezogen, aber nie zurückgekehrt sind. Man wusste auch nicht sicher, ob sie gefallen waren. Sie galten als "MIA", "missing in action". Die Ungewissheit wurde zu einer grausamen Grauzone.

Es müssen nicht immer Kriege oder Naturkatastrophen sein, die zu "uneindeutigen Verlusten" führen. Viele Familien erleben Angehörige, die an Demenz erkranken. Die sind körperlich anwesend. Doch man erkennt sie als Gesprächspartner nicht wieder. Auch in der romantischen Liebe oder in Freundschaften können wir Erfahrungen mit unklaren Verlusten machen. Im Internetzeitalter ist das "Ghosting" eine besonders brutale Variante, Menschen im Unklaren zu lassen. Das klärende Gespräch und eine unangenehme Trennung sollen vermieden werden. Stattdessen zieht sich einer der Partner zurück und wird unsichtbar, unerreichbar. Mails und Anrufe laufen ins Leere. Ein Mensch wird zum Geist. Er ist abwesend, bleibt aber in der Ungewissheit auf quälende Weise anwesend.

"Im Internetzeitalter ist das 'Ghosting‘ eine besonders brutale Variante, Menschen im Unklaren zu lassen.“Pfarrer Dr. Marc Röbel

Umgekehrt könnten auch Anwesende zu Plagegeistern werden: Etwa ehemalige Chefs, die offiziell im Ruhestand sind, aber noch nicht losgelassen haben. Unklare Abschiede können ganze Betriebe blockieren. Von Jesus können wir eine Kultur des Abschieds lernen. Dazu gehört auch, die Trauergefühle nicht zu übergehen. Wir sollten sie benennen, aber nicht in ihnen hängen bleiben.

Diese Doppelbewegung höre ich aus einem Abschiedslied heraus, das Herbert Grönemeyer 2002 veröffentlicht hat. Es heißt "Der Weg". Grönemeyer besingt darin den unklaren Abschied von seiner Frau. Die litt an einer unheilbaren Krankheit, die beide nicht wahrhaben wollten. Am Ende kann er den Abschied annehmen: "Habe dich sicher in meiner Seele. Ich trag' dich bei mir, bis der Vorhang fällt."

In dem Musikvideo sehen wir den Sänger vor einer Wolkenwand, die einen offenen Spalt zeigt. Das lässt uns als Betrachtende ahnen: Es ist noch etwas dahinter. Diese Ahnung lässt mich an Christi Himmelfahrt und darüber hinaus mit meinen eigenen Abschiedssituationen besser leben: Es ist noch etwas dahinter.


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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