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Ungemütliche Adventszeit

Kolumne: Auf ein Wort – Maria und Josef sind auf dem Weg nach Bethlehem. Ihr ist kalt, das Kind strampelt im Bauch. Und sie hat Fragen. Ein Zwiegespräch zwischen Eheleuten.

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Es war kalt, der Wind pfiff und jaulte in den Bergen um Nazareth: Da fasst kein normaler Mensch den Entschluss, sich auf den Weg nach Bethlehem zu machen, 140 Kilometer. Man bleibt zu Hause am warmen Feuer. Aber Kaiser Augustus in Rom wollte in seinem riesigen Reich, zu dem wir Juden leider auch gehören, dass sich jeder Berufstätige in Steuerlisten einträgt, Rom brauchte Geld. Der Kaiser wollte das wissen, was man am liebsten verheimlicht: Wie viel Geld verdienst du im Jahr? – damit wir deine Steuer berechnen können. Dazu sollte jeder in seine Geburtsstadt gehen. Nein, nicht Wohnort, Geburtsort! Frechheit. Aber da kannst du nichts machen. Ist es nicht immer schon so gewesen: Die ‚oben‘ machen die Ansagen und die ‚unten‘ müssen sie ausführen. Ich bin Josef, Zimmermann aus Nazareth. Und weil ich nicht in Nazareth geboren bin, sondern in Bethlehem, muss ich mich auf den Weg machen. Ich könnte schreien vor Wut. Aber Schreien ist keine Lösung, bringt nur kurzfristig Erleichterung und den Weg nach Bethlehem müssen wir trotzdem gehen.

Wir, das ist Maria, meine Frau, im 9. Monat schwanger. Sie reitet auf dem Esel. Und ich, Josef, gehe zu Fuß. So ist das, wenn man liebt.

„Josef, warum muss ich eigentlich mit nach Bethlehem, wenn nur du dich in die Steuerlisten eintragen musst?“

„Maria, ich hab's dir doch zu Hause erklärt: Wir haben in Nazareth zwar verlässliche Nachbarn, sie würden dir bei der Geburt unseres Sohnes auch zur Seite stehen, du hättest eine Hebamme.“

„Aber?“

„Aber ich, ich könnte meinen Erstgeborenen nicht in den Armen halten. Ich müsste erst aus Bethlehem zurückkehren. Dann ist der Knabe schon eine Woche alt oder noch älter.“

Maria schüttelte den Kopf. „Josef, ich hab's in Nazareth schon nicht verstanden und jetzt auch nicht. Ich meine, es ist ziemlich egoistisch von dir. Damit du deinen Sohn gleich nach der Geburt stolz in den Armen halten kannst, sitz’ ich hier bei Wind und Wetter auf einem Esel; bequem geht anders. Mir ist kalt, als wohnte der Winter in meiner Kleidung.“

„Na ja, Maria, vielleicht war das für dich nicht die glücklichste meiner Entscheidungen, aber ich liebe dich und ich möchte, dass wir zusammen sind.“

„Heißa, was ist das für eine Liebe, die der Ehefrau kalte Füße bringt.“

„Maria, mach mir kein schlechtes Gewissen. Wir wärmen uns nachher am Feuer, ich nehme dich in den Arm, dann kannst du in Ruhe schlafen.“

„Josef, Josef! Wenn deine Worte nur so wärmen könnten wie Flammen.“

Maria hielt einen Augenblick inne. „Sag mal, wo kommen denn die vielen Leute her? Wie sie hasten, rennen, laufen; wo wollen sie hin?“

„Hätte ich eine prophetische Gabe, würde ich sagen: Sie nennen es Advent. Und wenn man nicht hastet und hektisch kauft, dann ist es keine gute Adventszeit.“

„Seltsam, seltsam … Ich mag die Ruhe lieber.“

Wieder schwieg Maria nachdenklich. Dann fasste sie sich plötzlich an den Bauch. „Meine Güte, der Junge strampelt wie verrückt. Wahrscheinlich ist ihm auch kalt und er muss sich bewegen. Josef, komm, lass uns nach einem Haus suchen und Rast machen. Ein kleines Feuerchen und sich wärmen, außerdem tun mir sämtliche Knochen weh.“


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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