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Unerwünschter Mieter in zu kleiner Wohnung

Im Jahr 1700 kämpft der Lohner Pfarrer Balthasar Raden um ein Pfarrhaus.  Von seinen Schäfchen erfährt er wenig Unterstützung und nennt die Lohner Rebellen. 9 Jahre hält er dort dennoch die Stellung.

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Das Pastorat der Kirchengemeinde St. Gertrud. Es wurde 1826 errichtet, Die  Aufnahme stammt aus dem Jahr 1963. Foto: Stadtmedienarchiv im Heimatverein Lohne

Das Pastorat der Kirchengemeinde St. Gertrud. Es wurde 1826 errichtet, Die  Aufnahme stammt aus dem Jahr 1963. Foto: Stadtmedienarchiv im Heimatverein Lohne

„Wenn ich gewußt hätte, was ich jetzt weiß, ich würde in Ewigkeit nicht nach dieser Stelle verlangt haben.“ Das ist nach Überlieferung von Karl Willoh die resignierte Lagebeurteilung des Lohner Pfarrers Franz Balthasar Raden. Willoh, der eine fünfbändige Geschichte der katholischen Pfarreien im Herzogtum Oldenburg herausgegeben hat, berichtet das in Band II aus dem Jahre 1898, in dem unter anderem die Pfarre Lohne beschrieben wird. Karl Willoh (1846 bis 1915) war Strafanstaltsgeistlicher in Vechta und Geschichtsforscher.

Was war der Anlass für diese so enttäuschte Haltung eines Lohner Pfarrers, der im März 1700 in Lohne die Stelle angetreten hatte. Im 17. September 1700 schreibt er: „Es herrscht hier … eine solche Konfusion, daß ich nicht weiß, wie ich wieder Ordnung hineinbringen soll. Das Pfarrhaus ist so verfallen, daß ich im nächsten Winter kein Zimmer ohne Lebensgefahr bewohnen kann, und ich wüßte auch nicht, ob ich Obdach finden könnte als höchstens beim Vogt. Dort gibt’s aber allerlei Störungen, die Kinder weinen, es wird im Hause gedroschen, die Landleute gehen dort fortwährend aus und ein und zahlen ihre Steuern, und würde deren Wehklagen stets in mein Zimmer dringen. Es ist auch gar keine Aussicht, daß zum künftigen Sommer eine bessere Wohnung beschafft wird.“

Pfarrer Raden, so die Quelle Willoh, habe die Lohner Bauern im Pfarrhause zusammenkommen lassen, um von ihnen zu erfahren, wie eine Verbesserung des Pfarrhauses oder ein Neubau möglich sei. Einstimmig kam von ihnen die Erklärung, dass sie zur Reparatur oder zum Neubau nicht verpflichtet seien, was sie aus Dokumenten, die durch Brand verloren gegangen, aber bekannt gewesen seien, belegen wollten. Wenn die Zeiten aber besser würden nach dem Hungerjahr 1699, wollten sie freiwillig zum Hausbau beitragen. Pfarrer Raden, so Willoh, stellte seine Bereitschaft zu warten in Aussicht, wenn er nur ein kleines Häuschen gestellt bekäme, in dem er ungestört studieren und mit seiner Mutter leben könnte.

Bernard Topp hatte mit dem Neubau eines Pfarrhauses mehr Erfolg

Am 8. November 1700 stellt er resigniert in einem Schreiben an den Generalvikar fest, dass in der Angelegenheit nichts weiter geschehen sei. Er stellt in Aussicht, dass er die Pfarre verlassen werde, wenn ihm „zum kommenden Fasten keine passende Wohnung“ angewiesen werde. Er berichtet, dass er im Augenblick beim Vogt wohne, in der einzigen Wohnung, die er habe erhalten können. Sie sei zu klein und auch deshalb unpassend, weil der Vogt ihn nur unwillig in seinem Hause wohnen lasse. Denn aufgrund einer ansteckenden Krankheit in Lohne, an der schon vier Personen verstorben seien und drei in Lebensgefahr schwebten, habe der Vogt Besorgnis, dass der Pfarrer aufgrund seiner Versehgänge die Krankheit ins Haus schleppe. (Nach Pagenstert war von 1693 bis 1749 Bernard Sigismund Gieske Vogt in Lohne und besaß ein Haus an der Lindenstraße, wo später das Hotel Seeger stand.)

Schließlich zieht Pfarrer Raden 1803 in eine Hütte, die er auf eigene Kosten errichtet hatte. Das verlassene Pfarrhaus dient als Viehstall, bis es dazu 1708 auch nicht mehr taugte. Mehrere amtliche Versuche, die Lohner Bauern zur Abhilfe des Notstands zu bewegen, scheitern. Die Intervention des Bischofs führte in Lohne zu gewaltiger Aufregung, wie der Historiker Willoh berichtet, es scheint sogar zu Tätlichkeiten gegenüber dem Pfarrer gekommen zu sein.

Zeitgeschichte in Stein gemeißelt: Die Jahreszahl 1826 über der Eingangstür des Pfarrhauses. Foto: Stadtmedienarchiv im Heimatverein LohneZeitgeschichte in Stein gemeißelt: Die Jahreszahl 1826 über der Eingangstür des Pfarrhauses. Foto: Stadtmedienarchiv im Heimatverein Lohne

Die Folge ist, dass Pfarrer Raden 1709 um eine Versetzung bittet und die Pfarre in Sendenhorst zuerkannt bekommt, auf die eigentlich Bernard Topp (1676 bis 1766) Anspruch gehabt hätte. Dieser war mit dem Stellentausch einverstanden und 57 Jahre, bis 1766, Lohner Pfarrer. In einem Brief aus dem Jahre 1711 an Pfarrer Topp bezeichnet der Pfarrer von Sendenhorst, Balthasar Raden, die Lohner als Rebellen.

Pfarrer Bernard Topp begründete die Ära der aus Beckum stammenden Geistlichen in Lohne. Bernhard Heinrich Topp (1729 bis 1817), der Neffe des genannten Bernard Topp, war von 1766 bis 1808 Pfarrer in Lohne und hat zum Kirchenbau 8.000 Reichstaler gespendet. Deshalb erhielt er in der fast fertiggestellten Kirche 1817 im Mittelgang seine heute noch bestehende Grabstelle. Sein Großneffe Bernhard Heinrich Illigens (1779 bis 1842), ebenfalls aus Beckum, trat 1809 die Stelle des Lohner Pfarrers an und führte den Kirchenneubau durch, der 1818 geweiht werden konnte.

Der erstgenannte Pfarrer Bernard Topp hatte mit dem Neubau eines Pfarrhauses mehr Erfolg als sein Vorgänger Raden. Mit Androhung exekutorischer Gewalt durch die Mannschaften der Zitadelle in Vechta gelang im Januar 1713 ein Vergleich. Die Lohner Bauern erklärten sich zum Bau des Pfarrhauses bereit unter der Feststellung, dass sie weder jetzt noch später zum Bau des Pfarrhauses verpflichtet seien. Noch im Jahr 1713 wurde der Bau fertiggestellt. Als dieses baufällig geworden war, entstand 1826 das noch heute bestehende Pfarrhaus.

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