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Unerwartetes Wiedersehen auf der Kreuzung in Hemmelte

Seit dem Sommer 1944 galt der Vater als vermisst. Nach dem Krieg kam die Familie überraschend wieder zusammen.

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Unerwartetes Wiedersehen: Die Familie Roeser 1945 in Hemmelte. Foto: Roeser

Unerwartetes Wiedersehen: Die Familie Roeser 1945 in Hemmelte. Foto: Roeser

Mit diesem Wiedersehen hatte niemand gerechnet: Seit dem Sommer 1944 galt der Vater von Wolfgang Roeser als vermisst. Nach dem Krieg nahm er seinen Sohn auf der Kreuzung in Hemmelte wieder in den Arm.

Nach dem Ende eines Genesungsurlaubs hatten die Roesers, die zu der Zeit in Staatshausen in Ostpreußen lebten, nichts wieder von ihm gehört – zumal die Familie aus Furcht vor dem Einmarsch der Russen zunächst nach Königsberg, dann nach Mohrungen bei Allenstein geflüchtet war. Anfang Januar 1945 erwischte Familie Roeser den letzten Zug aus Mohrungen und landete zunächst in der Nähe von Barth in Pommern, bevor es in der ersten Märzwoche weiter in den Westen ging. Um Mitternacht – an das Datum kann sich Wolfgang Roeser nicht mehr erinnern –, erreichte der Zug Hemmelte. Bereits am nächsten Vormittag traf Wolfgang Roeser bei der Erkundung des Dorfes auf der Kreuzung in der Ortsmitte seinen Vater, der auf dem Weg nach Lohne zu einem Genesungsurlaub war.  

Roeser stellte Erinnerungen dem Nachbarjungen vor

Der jetzt in Hannover lebende Wolfgang Roeser (Jahrgang 1936) stellte nun seine detailliert aufgeschriebenen Erinnerungen vor, unter anderem auch seinem früheren Nachbarjungen Alfons Brinker. Ausführlich beschreibt der in Köln geborene pensionierte Beamte dabei seine Zeit als Flüchtlingsjunge und evangelischer Schüler in der Lastruper Ortschaft, in der er bis 1956 lebte, bevor es ihn zur Bundeswehr nach Sonthofen verschlug.  

Die Eltern Wolfgang Roesers stammten aus Königsberg und waren 1932 wegen besserer beruflicher Möglichkeiten nach Köln gezogen. Hier wurden auch ihre beiden Kinder geboren. 1942 wurden sie ausgebombt und in die Nähe von Trier evakuiert. Als auch Trier bombardiert wurde, wurden die Roesers nach Bromberg ins damalige Westpreußen verschickt und bei einem Bauern einquartiert. Weihnachten 1942 verließ die vierköpfige Familie den Ort auf eigene Faust und zog zu den Großeltern nach Königsberg. Über ein Jahr lang konnten sie hier relativ unbeschwert leben. Der siebenjährige Wolfgang wurde hier auch eingeschult, bevor der Krieg die Familie erneut einholte.

1944 wurde Familie nach Staatshausen evakuiert

Im Frühjahr 1944 wurde sie wegen der zu erwartenden Bombenangriffe nach Staatshausen in die Rominter Heide an der litauischen Grenze evakuiert. Auch hier war die Zeit für den jungen Wolfgang Roeser noch ziemlich unbeschwert, erinnert er sich doch an erlebnisreiche Bahnfahrten nach Königsberg und abenteuerliche Kinderspiele. In Staatshausen verbrachte auch sein Vater im Sommer 1944 einen Genesungsurlaub. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr an die Front kam die Nachricht von seiner Einheit, dass er in Russland vermisst sei. Im Spätsommer 1944 überquerten russische Einheiten die deutsche Grenze.

Die Roesers kehrten nach Königsberg zurück. Vor dort wurden sie gleich weiter nach Mohrungen bei Allenstein verschickt. Von hier aus mussten sie Ende August 1944 das brennende Königsberg ansehen. „Viele Menschen standen auf der Straße und schauten nach Nordosten. ‚Königsberg brennt‘, murmelten sie. Es war ein unheimlicher Anblick“, schreibt Wolfgang Roeser. Ab Anfang Januar 1945 zogen Flüchtlingstrecks auch durch Mohrungen. Die Flüchtlinge, die oft in erbärmlichem Zustand waren, berichteten von furchtbaren Erlebnissen.

Am 22. Januar 1945 standen auch die Roesers auf dem Bahnhof und erwischten den letzten Zug aus Mohrungen Richtung Westen, der durchkam. Nach einem mehrtägigen Zwischenstopp in Hinterpommern ging es weiter nach Velgast bei Barth in Vorpommern. Hier trafen sie auf Verwandte, die dort untergebracht waren und zu denen sie ziehen konnten. In der ersten Märzwoche 1945 mussten alle „Königsberger“, unter ihnen auch Mutter Roeser mit ihren beiden Kindern und der Großmutter, wieder mit dem Zug weiterziehen Richtung Westen.

"Wie lange wir unterwegs waren, weiß ich nicht mehr."Wolfgang Roeser, 1945 auf der Flucht

„Wie lange wir schon unterwegs waren, weiß ich nicht mehr. Oft mussten wir wegen der Jagdflugzeuge anhalten“, weiß Wolfgang Roeser noch von der Zugfahrt.   „Irgendwann gegen Mitternacht hielt der Zug auf der kleinen Bahnstation Hemmelte. Wir wurden angewiesen auszusteigen. Beklommen stiegen wir mit 200 anderen aus. Dann hörte ich, dass Namen aufgerufen wurden. Unsere Verwandten Kaminski kamen zu Engelmann, wir zu Diekgerdes“, schildert Wolfgang Roeser seine Ankunft in Hemmelte. „Am nächsten Morgen sahen wir uns in einer Mansarde von 24 Quadratmetern mit vier Personen. Wir versuchten zunächst, unsere Verwandten – die Kaminskis – im Dorf ausfindig zu machen. Dabei trafen wir gleichzeitig mit Tante Kaminski und ihren drei Jungen in der Dorfmitte ein. Während ich voraus auf die Straßenkreuzung lief, traf ich auf einen Soldaten, der mich anfasste und mich hochhob: Es war mein Vater! So trafen wir uns wieder“, beschreibt Wolfgang Roeser das emotionale Wiedersehen mit dem solange vermissten Vater.

Schauplatz eines unerwarteten Wiedersehens: Auf der Kreuzung in Hemmelte trafen sich vor mehr als 70 Jahren Vater und Sohn Roeser wieder. Foto: LandwehrSchauplatz eines unerwarteten Wiedersehens: Auf der Kreuzung in Hemmelte trafen sich vor mehr als 70 Jahren Vater und Sohn Roeser wieder. Foto: Landwehr

Dem Vater war es gelungen, aus der Gefangenschaft in den Karpaten zu fliehen. Nun hatte er Genesungsurlaub, den er bei Bekannten aus Köln in Lohne verbringen wollte. In Cloppenburg hatte er auf dem Bahnhof beim Umsteigen einen Schwager getroffen, der grob vom Aufenthalt der Roesers in Hemmelte wusste.

Die Zeit bis zum Kriegsende in Hemmelte war gekennzeichnet durch Probleme des Einlebens in der ungewohnten Umgebung, durch eine bescheidene Unterbringung, durch den ungewohnten Dialekt, durch eine andere Religion, durch Versorgungsengpässe und Angst vor feindlichen Flugzeugen. Aber auch die Schulzeit in viel zu großen Klassen oder später in der evangelischen Schule in Hemmelte stellte sich nicht so einfach dar. Nach der Lehre als Schriftsetzer in der Buchhandlung Terwelp in Cloppenburg meldete sich Wolfgang Roeser zur neuen Bundeswehr. Heute lebt er in Hannover.

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