Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Unersetzbarer Senioren-Funk

Kolumne: Notizen vom Nachbarn – Wer glaubt, in Zeiten von Social Media immer bestens und besonders schnell informiert zu sein, der scheint den Austausch zwischen Senioren zu unterschätzen.

Artikel teilen:

Ab ins Auto, zügig zu Oma und in großen Sprüngen die Treppe hoch. Ich hatte es eilig, weil soeben aus ziemlich gut informierter Quelle erfahren, wer der neue Pastor in Emstek wird. Und da es ein überaus beliebter Rückkehrer ist, wollte ich Oma die Neuigkeit so schnell wie möglich überbringen. Noch außer Atem im Wohnzimmer zerplatzte meine ganze Vorfreude nach dem ersten Satz. Oma hatte es schon läuten hören und wusste Bescheid.

Manchmal glaub’ ich, der Senioren-Funk schlägt Tageszeitung, Instagram und Facebook um Längen. Wo bei mir geschönte Glanzbilder auf dem Handy aus der ganzen Welt auftauchen, zählen für die Senioren noch die direkten News von Mund zu Mund. Der manchmal nicht mehr so zügige Gang durch den Ort schafft Gesprächspausen über Kinder, Feste und Krankheiten. Wir hetzen immer vorbei und haben mit dem Handy in der Hand schon den nächsten Termin im Kopf.

Ich freue mich schon, in ein paar Jahren einfach schnackend durch die Straßen zu gehen, mit Stock, Rollator und all diesem Gedöns. Und immer, wenn Oma oder meine Tante eine ihrer Doppelkopfrunden haben, stehe ich schon parat und frage: "Was gibt es Neues?“ Ich erfahre dann Dinge, die eben nicht in der Zeitung stehen oder im Internet. Wer bald heiratet oder wo das mit der Heirat nach ein paar Jahren dann doch nicht geklappt hat, wer jetzt auch leider den Pflegedienst braucht und was die Kinder beruflich so machen.

"Und Opa sagte schon immer „Maok wat du wullt, dei Lüe schnackt doch.“Antonius Schröer

Manchmal darf ich stolz aushelfen und was aus der Stadt erklären, was die Kartenrunde noch nicht so ganz verstanden hatte. Im Gegenzug erfahre ich dann oft, wer welche Geborene ist. Also, jetzt nicht denken, ich schreibe über Klatsch und Tratsch – jedenfalls keinen Deut mehr als bei uns die jüngeren Leute –, die Alten sind nur manchmal tiefer informiert, kennen verwandtschaftliche Verwurzelungen bis in tiefste Vorkriegszeiten. Und Opa sagte schon immer "Maok wat du wullt, dei Lüe schnackt doch."

Ich lerne jeden Tag für mein späteres Leben. Der Friedhof steht für Unterhaltungen und Informationen ganz vorne, gefolgt von Kartenrunden und den Besuchen in der Apotheke, noch vorm Friseur und Wartezimmer beim Doktor. Opa hatte früher sein Büro mit direktem Blick auf den Marktplatz und das Rathaus – da wusste er sogar, ob der Bürgermeister gerade arbeitet. So einen Logenplatz wünsch' ich mir später auch.

In den letzten Tagen war ich bei den Senioren sehr gefragt und musste berichten, wie es auf dem Stoppelmarkt war. War was los? Hast du dich auch nicht angesteckt, und wie war die Stoppelmarktsrede? Naja, was sollte ich von der Rede schon Dolles berichten? Und dann natürlich die wichtigste Frage von allen: "Welche Emsteker waren auf dem Stoppelmarkt?"


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Der 60-Jährige verkörpert das Vechtaer Original "Straßenfeger" im Karneval.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

Der neue Newsletter für Friesoythe. Immer am Donnerstag das Wichtigste aus der Eisenstadt in ihrem Postfach. So verpassen Sie nichts mehr.  Jetzt hier kostenlos anmelden

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Unersetzbarer Senioren-Funk - OM online