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Und weil wir alle so wichtig sind

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Beim alltäglichen Mailen sind Disclaimer ein oft gesehener Anhang. Bei all den Hinweisen und Firmenlogos wird gerne auch mal der Inhalt der Mail vergessen.

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6 Minuten nach dem verpatzten WM-Auftakt der deutschen Nationalelf erhielt ich in ohnedies finsterer Laune eine E-Mail von 39 Metern Länge. Der Absender aus dem Norden des OM hatte auf zwei Layoutvorschläge meinerseits geantwortet, der sinnstiftende Inhalt der Mail ließ sich auf 2 Zeilen zusammenfassen, war aber vor lauter Getöse drumrum kaum noch zu isolieren. Er hatte ein Firmenlogo mitgepackt, darunter sämtliche Verdienstmedaillen seiner heldenhaften Unternehmung im Stile von „Nordwestdeutschlands sozialster Arbeitgeber mit nachhaltiger Transformationskompetenz“ und ähnliches Gebläse. Er belästigte mein reines Herz mit Bagatellen, die im Büroalltag kaum interessieren. Ich wollte doch eigentlich nur wissen, was am Layout zu bessern wäre. Er schrieb „fast schon okay“, verblieb mit freundlichen Doppel-S-Grüssen und gab noch einen Hinweis auf seine Mail von vorgestern.

Unter dieser Notiz nun fand sich der in Fachkreisen gern debattierte „E-Mail-Disclaimer“, ein Stückchen aus dem Tollhaus, das vor der Pandemie an sich schon zu verschwinden drohte, in den letzten Monaten aber offenbar wieder ganz gern vom Dachboden geholt wird.

So ein Disclaimer ist ein typisch deutscher und vollends missverstandener Haftungsausschluss, oft genug automatisch von der EDV an jede elektrische Post angehängt, egal, wie häufig sie hin- und hergeschickt wird. Er ist in der Regel amtssprachlich verfasst und belehrt mit Redundanzen wie der hier: „Diese E-Mail enthält vertrauliche Informationen. Wenn Sie nicht der richtige Adressat sind oder diese Mail irrtümlich erhalten haben, informieren Sie bitte den Absender und löschen Sie sie.“

"Sie werden gesetzt, weil die EDV oder der Chef des sendenden Unternehmens sich für wichtig halten, weil es irgendwie cool aussieht, weil man so furchtbar gern international sein will."Christian Bitter

Seit Jahren nun wissen wir alle, dass selbst umständliche Juristen solchen Litaneien keinerlei rechtliche Relevanz beimessen. Die Gebetsformeln sind erstens überflüssig, sehen zweitens doof aus und beleidigen drittens das müde Auge. Sie werden gesetzt, weil die EDV oder der Chef des sendenden Unternehmens sich für wichtig halten, weil es irgendwie cool aussieht, weil man so furchtbar gern international sein will.

In meinem Falle stand der ganze Sermon auch noch in Englisch und Russisch darunter und gipfelte zum guten Schluss in einer Art klimawandlerischer Verbeugung. „Bevor Sie diese E-Mail ausdrucken, prüfen Sie, ob dies wirklich nötig ist. Umweltschutz geht uns alle an“, hieß der Appell ans Gewissen; sind wir nicht alle im Kampf gegen Papierverschwendung und Urwaldrodung? Auf Englisch gefiel mir der Satz besser: „Think before you print“ stand dort schlicht und einfach, fürs Russische hatte der Übersetzer wohl keine Zeit. „Bleiben Sie gesund“, vergaß ein Tollpatsch an dieser Stelle im Frühjahr ’21, da war das ja auch mal schick.

Ganz unten in 29 Metern Tiefe fand ich endlich die Absender-Nachricht von vorgestern. Da hatte man aber leider keine Telefonnummer vermerkt.

Fangen wir also nochmal von vorne an.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de

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