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Ukrainische Kinder können in Handorf wieder lachen

Die Familien Glandorf und Schwertmann nehmen in ihren Wohnungen 15 Menschen auf. Gleichzeitig kommen durch eine Spendenaktion drei volle Transporter mit Hilfsgütern zusammen (mit Video).

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Noch etwas schüchtern, aber glücklich: Die Familien von Nikolai und Wasili Schmidt fühlen sich auf dem Ferienhof Glandorf wohl. Foto: Böckmann

Noch etwas schüchtern, aber glücklich: Die Familien von Nikolai und Wasili Schmidt fühlen sich auf dem Ferienhof Glandorf wohl. Foto: Böckmann

Es ist frisch, aber sonnig an diesem Freitag in Handorf. Kinder spielen, lachen, toben. Sie laufen, fahren Fahrrad und treten bei den Mini-Treckern kräftig in die Pedalen. Ihre Eltern machen bei all dem Gewusel einen entspannten Eindruck. Der mehrmals ausgezeichnete Ferienhof Glandorf in Handorf lädt eben zu einer Auszeit vom Alltag ein.

Doch ganz alltäglich ist die Situation an diesem Freitag auf der weitläufigen Anlage eben doch nicht. Weder für die Gäste noch für die Ferienhof-Eigentümer Renate und Bernard Glandorf und auch nicht für Burgis und Dirk Schwertmann aus der Handorfer Nachbarschaft.

Denn die Familien Glandorf und Schwertmann haben seit Mittwochabend jeweils eine ukrainische Familie, die aus dem vom Krieg geplagten Land geflohen sind, aufgenommen. Es sind die Familien der Brüder Nikolai und Wasili Schmidt. Die Brüder sind Bekannte der Familien, die sie über die Arbeit kennen. Nikolai und Wasili Schmidt waren bei Kriegsausbruch bereits in Deutschland.

Jetzt holten die beiden dank der Unterstützung der Handorfer Nachbarn ihre Frauen und Kinder in Sicherheit. Nikolai (37) wohnt mit seiner Frau und seinen 9 Kindern im Alter zwischen 14 Jahren und einem Jahr jetzt in einem der Häuser auf dem Ferienhof, weshalb die Glandorfs Monteuren und Familien Buchungen wieder stornierten – und zum allergrößten Teil auf Verständnis stießen. Bruder Wasili (29) ist mit seiner Frau und seinen 2 Kindern in einer Zweitwohnung der Schwertmanns untergebracht.

Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, stellten sich für die Familien Schwertmann und Glandorf den Schmidt-Brüdern gleich diese Frage: „Wie können wir euch helfen?“ Schnell war klar, dass die insgesamt 13 Frauen, Söhnen und Töchter nach Deutschland geholt werden müssen. Die Flucht aus der West-Ukraine, wo die Familien der Brüder leben, war gefahrlos. Denn die Frontlinien waren zum Start der Reise weit entfernt. Dennoch zehrte die viertägige Reise an den Kräften.

An der Grenze zu Rumänien harrten sie 12 Stunden aus

Zunächst fuhren die 13 Familienmitglieder noch in einem einzigen Bulli bis zur rumänischen Grenze. Immer wieder gab es Stopps durch Kontrollen. An der Grenze zu Rumänien harrten sie insgesamt 12 Stunden aus. Doch dann wurde es besser. Dort warteten bereits die Väter auf ihre Familien mit einem weiteren Bulli – übrigens jenem der Gemeinde Holdorf. Über Ungarn, die Slowakei und Tschechien landete die Familien nach der fast 100-stündigen Tour erschöpft in Handorf.

Renate Glandorf sah beim Empfang auf ihrem Ferienhof „ganz traumatisierte Kinder. Sie waren schüchtern wie junge Kälber“. Und sie war fast ein wenig schockiert, als sie sah, dass die Kinder zum Teil nicht einmal Strümpfe angehabt hätten. Ohnehin waren die Familien mit nur ganz wenig Gepäck aus der Ukraine geflüchtet. Die Familien direkt mit Hosen, Pullover, Socken und Mützen auszustatten – das war dann kein Problem. Denn die Familien Schwertmann und Glandorf hatten parallel über die Online-Netzwerke eine Hilfsaktion gestartet – mit riesigem Erfolg.

Ukrainer wollen in Handorf ein Stück Normalität finden

Während die Väter ihre Frauen und Kinder glücklich empfingen, freute sich Renate Glandorf zwei Tage später besonders darüber: „Die Kinder tauen mehr und mehr auf. Das Lachen ist zurück.“ In Handorf fürs Erste ein Stück Normalität finden – das ist die große Hoffnung der Familien Schmidt, Glandorf und Schwertmann. Und ein wenig holt der Alltag auch die schulpflichtigen Kinder wieder ein. Denn sie sollen via Homeschooling unterrichtet werden.

Nicolai und Wasili Schmidt denken derweil auch in Handorf an ihre Landsleute. Bereits am Freitagabend sind die Brüder mit einem Transporter Richtung Rumänien aufgebrochen. Dort wollen sie an der Grenze zur Westukraine die Lebensmittel, Babynahrung und Hygieneartikel entladen, die bei der Hilfsaktion der Familien Schwertmann und Glandorf zusammengekommen sind. Zwei weitere volle Bullis mit Hilfspaketen wurden von Bekannten von Dirk Schwertmann am Samstag ebenfalls zur Grenze gefahren.

Familien wollen so schnell wie möglich in die Ukraine zurück

Diese Spenden sollen in der Ukraine wiederum zur Familie von Nikolai und Wasili Schmidt, die noch 5 weitere Brüder haben, transportiert werden. Denn deren Elternhaus ist zu einer Art Flüchtlingsunterkunft, wo sich bis zu 100 Personen aufhalten, umfunktioniert. Denn jeder Ukrainer, der das Land im Westen über eine Grenze nach Rumänien verlassen will, kommt am Haus der Schmidts vorbei und verbringt dort eine gewisse Zeit. Es werden dort also Hilfsgüter dringend benötigt.

Ihren Landsleuten auch aus Handorf zu helfen – das ist für Nikolai und Wasili Schmidt eine Selbstverständlichkeit, eine Verpflichtung, wie sie erzählen. Sie kennen es irgendwie auch nicht anders. Weil sie sich in ihren Heimatorten stark in der Kirchengemeinde engagieren, weil der Zusammenhalt der Ukrainer ohnehin stark ist. Die Brüder sind deshalb überzeugt davon, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen wird.

Foto: BöckmannFoto: Böckmann

Seine Familie fühlt sich in Handorf sehr wohl, erzählt Nikolai Schmidt – und lässt den befreundeten Dolmetscher aller drei Familien dann kaum Zeit zum Übersetzen, als er direkt hinterherschiebt: „Sobald es friedlicher wird, werden wir in die Ukraine zurückkehren.“ Er möchte den eigenen Garten pflegen, die Hühner züchten, die Familie selbst versorgen. Es sind hoffnungsvolle Gedanken in kriegerischen Zeiten.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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