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Ukraine-Helfer appellieren: Solidarität darf nicht nachlassen

Die Kleiderkammer in Lindern versorgt Geflüchtete mit dem Nötigsten. Zuletzt gingen die Spenden zurück. Die Unterstützung dürfte aber noch lange Zeit nötig sein.

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Gut sortiert: Die Kleiderkammer erfreut sich bei den Geflüchteten großer Beliebtheit. Foto: Meyer

Gut sortiert: Die Kleiderkammer erfreut sich bei den Geflüchteten großer Beliebtheit. Foto: Meyer

Es ist kurz vor 17 Uhr. Vor der Kleiderkammer in Lindern hat sich bereits eine Schlange gebildet. Als Raad Aldakhail die Tür öffnet, strömen Dutzende in die ehemalige Arztpraxis. Die Menschen verteilen sich sofort in den Räumen, schauen sich neugierig um. Raad nickt jedem Einzelnen freundlich zu und lächelt zufrieden. Er weiß, dass  wieder ein ordentliches Angebot zusammengekommen ist.

Seit mehr als einem halben Jahr wiederholt sich das Ritual immer donnerstags in der Von-Galen-Straße. In der Kleiderkammer finden geflüchtete Ukrainer, Asylsuchende aus anderen Ländern, aber auch Deutsche Bekleidung und Schuhe sowie Alltagsgegenstände jedweder Art. Vom Kochtopf bis zum Brettspiel reicht die Palette. Der Bedarf ist schier unerschöpflich, die Spendenbereitschaft habe inzwischen aber etwas nachgelassen, sagt Raad. Viel Zeit zum Reden hat er nicht. Immer wieder wird er von den Kunden angesprochen, muss erklären und helfen. Dass der Syrer bei den Ukrainern so gefragt ist, hat einen guten Grund: Raad hat in Odessa Pharmazie studiert und spricht deshalb perfekt Russisch. 

Vor 6 Jahren kam der Apotheker mit seiner Familie nach Lindern. Selbst Bürgerkriegsflüchtlinge, begannen Raad und seine Frau Sawsan schon bald, sich für Notleidende in ihrer Heimat einzusetzen. Unterstützt werden sie dabei von einem Helferkreis aus der Gemeinde. Im vergangenen Winter schickten sie einen Lkw mit warmer Kleidung auf die beschwerliche Reise nach Syrien. "Das war schwieriger, als wir gedacht hatten", gibt Konrad Möhlenkamp zu. Am Ende erreichten die Hilfsgüter ihr Ziel, ein Flüchtlingslager im Norden des Landes. Die Linderner wollten gerade an den 2. Transport herangehen, als der Ukraine-Krieg ausbrach. "Da wussten wir gleich, dass eine Flüchtlingswelle auf uns zu kommen würde", erinnert sich Möhlenkamp.

Großes Angebot: Auch Spiele und Bücher gehören dazu. Foto: MeyerGroßes Angebot: Auch Spiele und Bücher gehören dazu. Foto: Meyer

Inzwischen haben die ersten Besucher ihre Einkäufe erledigt. Für die Kasse ist Nasmah zuständig. Raad und Sawsans jüngste Tochter nehmen aber nur kleine Summen an. Für seine neue Hose zahlt ein älterer Mann lediglich 1 Euro. Er bedankt sich und geht. "Wir möchten die Sachen nicht einfach verschenken, denn sie haben einen Wert, den auch unsere Kunden anerkennen sollen", erklärt Möhlenkamp. Er ist Mitglied des Kirchenausschusses der Pfarrgemeinde St. Katharina. Die katholische Kirche hatte sich gleich zu Beginn des Krieges mit der Emmanuel-Christengemeinde und der evangelischen Gemeinde zusammengetan. Während die Freikirchler vor allem Lebensmitteltransporte in die Ukraine organisieren, kümmern sich die Katholiken um die Hilfe vor Ort. Im Frühjahr hatten die 3 Gemeinden zu gemeinsamen Friedensgebeten aufgerufen. "Das Verhältnis zwischen uns ist wirklich gut", betont Möhlenkamp. Die Kleiderkammer wurde inzwischen an die Caritas "angedockt". Diese stellt auf Wunsch auch Spendenquittungen aus. 

Inzwischen hat Olena Gumakova den Raum betreten. Sie überreicht Möhlenkamp einen frisch gebackenen Apfelkuchen. Olena stammt aus der Nähe von Donezk und möchte gern einen Deutschkurs absolvieren. "Wir brauchen alle einen", sagt sie und schaut um sich. Mit dem Kuchen wolle sie sich bei den Helfern bedanken. "Das passiert uns häufiger", erklärt Möhlenkamp, während er die Stücke zuschneidet und verteilt. Für die Geflüchteten ist die Kleiderkammer auch ein Treffpunkt, an dem sie sich austauschen können. Neben bekannten seien jedes Mal auch neue Gesichter darunter, sagt Möhlenkamp.  Für den Winter befürchtet er eine weitere Welle. Falls die Russen mit den Zerstörungen der ukrainischen Infrastruktur weitermachten, werde vielen Menschen nichts anderes übrig bleiben, als im Ausland Schutz zu suchen. In Lindern gebe es schon jetzt kaum noch freien Wohnraum. "Die Solidarität darf aber nicht nachlassen", mahnt Möhlenkamp.

Zeichen des Dankes: Die Ukrainerin Olena Gumakova überreicht den Helfern (von links Sawsan Alzare und Raad Aldakhail) einen frisch gebackenen Kuchen. Foto: MeyerZeichen des Dankes: Die Ukrainerin Olena Gumakova überreicht den Helfern (von links Sawsan Alzare und Raad Aldakhail) einen frisch gebackenen Kuchen. Foto: Meyer

Raad Aldakhail und seine Familie fühlen sich in der Südkreisgemeinde längst heimisch. Dazu haben auch Menschen wie Renate und Norbert Thyen beigetragen, die für die Syrer eine Patenschaft übernahmen. Daraus ist längst eine enge Freundschaft geworden. Ohne Raad und Sawsan wären die bisherigen Hilfsaktionen nicht möglich gewesen, betont Konrad Möhlenkamp. "Sie sind ein Paradebeispiel für eine gelungene Integration und ein Vorbild für andere."

Auf dem Weg dahin ist auch Katja Szenek. Die Ukrainerin mit ungarischen Wurzeln lebt seit 2 Monaten in der Gemeinde und spricht bereits ein recht passables Deutsch. Auch einen Job hat sie schon gefunden. "Ich arbeite im Altenheim", berichtet die gelernte Krankenschwester strahlend. Ihr Mann sei ebenfalls in Lohn und Brot. Eine Rückkehr in die Ukraine schließen beide deshalb aus. Und wenn der Krieg irgendwann endet? Katja schüttelt entschieden den Kopf. Die Zukunft ihrer Familie sieht sie jetzt in Lindern.

Info: Die Kleiderkammer bleibt in den Herbstferien (20. und 27. Oktober) geschlossen. Spenden werden während der Öffnungszeiten, jeweils donnerstags zwischen 17 und 19 Uhr angenommen.

Gesucht werden u.a. Kleidung für Frauen, Männer und Kinder, Schuhe, Bettwäsche, Haushaltswaren (Töpfe, Pfannen, Geschirr etc.) und einfache Elektrogeräte. Derzeit besonders gefragt sind Schulutensilien für Kinder (Ranzen, Sporttaschen, Federmäppchen usw.).

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