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Ukraine-Flüchtlinge Derachyts' wollen in Damme schnell eigenständig leben

Darauf zu warten, bis andere ihnen etwas Gutes tun, wollen Svyatoslav Derachyts und seine Mutter Olena nicht. Und so haben sie selbst die Initiative ergriffen, nachdem sie in Damme angekommen waren.

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Herzliches Klima: Olena Derachyts (rechts) hat bei Klara Wybuda und bei den anderen Gästen der Tagespflege im Seniorenheim Maria-Rast einen dicken Stein im Brett. Foto: Lammert

Herzliches Klima: Olena Derachyts (rechts) hat bei Klara Wybuda und bei den anderen Gästen der Tagespflege im Seniorenheim Maria-Rast einen dicken Stein im Brett. Foto: Lammert

Es ist die Geschichte von einer Flucht nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine, einer Übergangsheimat und davon, wie Menschen in einer ihnen vollkommen neuen Umgebung versuchen, ihr Leben so schnell wie möglich selbst in die Hand zu nehmen: Gut 1500 Kilometer liegen für Olena Derachyts und ihrem Sohn Svyatoslav zwischen Damme und ihrer ukrainischen Heimatstadt Dubrowyzja.

Die hatte Olena Derachyts vor gut 2 Wochen aus Angst um das Leben ihres 13 Jahre alten Sohnes mit ihm verlassen. Doch auch wenn die Entfernung vermeintlich groß ist, in Gedanken sind die 46-Jährige und ihr Sohn immer wieder in dem 9000-Seelen-Ort am Ufer des Horyn. Der Ort liegt gerade mal rund 20 Kilometer entfernt von der Grenze zu Belarus liegt, an der die Russen ebenfalls Truppen und militärisches Gerät stationiert haben.

Der Ehemann und der ältere Sohn mussten in der Ukraine bleiben

Denn weder Olena Derachyts' Mann, der als Orthopäde in einem Krankenhaus arbeitet, noch ihr 24-jähriger älterer Sohn, der als Zahnarzt tätig ist, durften die Ukraine nach dem Ausbruch des Krieges verlassen. So bleibt derzeit nur der Kontakt über Soziale Medien wie WhatsApp oder das Telefon, um zu erfahren, wie es ihnen und den übrigen Angehörigen geht – ein Schicksal, das derzeit Millionen von Ukrainern teilen.

Und vor allem über das Internet, aber auch über die Sozialen Medien beziehen die beiden Derachyts ihre Informationen darüber, was aktuell in der Ukraine passiert. Auf ihren Handys haben sie sogar eine Luftalarm-App. Ganz bewusst. Denn so sind sie immer darüber informiert, wann in Dubrowyzja Luftalarm ausgelöst wird.

Freunde und Bekannte schicken Videos über den Krieg

Svyatoslav Derachyts bekommt, so erzählt er, zudem von Freunden und Bekannten viele Videos und Fotos, zuletzt über und aus Butscha, zugemailt. Auch angesichts der grauenvollen Bilder mit hunderten Leichen aus dem Vorort Kiews sagt Olena Derachytst mit Blick auf den russischen Überfall: "Das werden die Ukrainer den Russen nicht verzeihen können."

Zumindest aber sind sie und ihr Sohn in Sicherheit. Dass es die beiden Derachyts nach Damme gezogen hat, hat einen einfachen Grund: Hier leben entfernte Verwandte. "Olena ist eine angeheiratete Großcousine von mir", sagt Sandra Meyer. Bei ihr, ihrem Mann Jens und deren 14 Jahre alten Tochter sind Olena und Svyatoslav Derachyts untergekommen.

Schwiegertochter bleibt kurzentschlossen zu Hause

Ursprünglich wollte auch noch Olena Derachyts Schwiegertochter mit ihrem 4 Monate alten Baby mitkommen, doch in letzter Sekunde machte sie einen Rückzieher.

Freunde brachten Mutter und Sohn ins polnische Kattowitz. Per Bus reisten sie nach Berlin, dann per Zug nach Hannover. Dort holten Jens und Sandra Meyer beide mit einem von der Landmaschinenfabrik Grimme bereitgestellten Fahrzeug ab.

Olena Derachyts wollte unbedingt eine Arbeitsstelle

Eines wusste Olena Derachyts, kaum dass sie in Damme angekommen und auf Zeit bei den Meyers eingezogen war: Sie wollte möglichst schnell eine Arbeitsstelle finden. Nur wenige Tage später ist ihr das gelungen. Sie, die ausgebildete Krankenschwester und studierte Biologin, die in ihrer Heimat im Labor eines Krankenhauses gearbeitet hat, hat bei der Stiftung Maria-Rast begonnen. Zunächst ist sie in der Tagespflege in deren Seniorenheim an der Steinfelder Straße tätig.

Das Deutschlernen erfolgt während der Arbeit

Dass Olena Derachyts' Deutschkenntnisse noch relativ bescheiden sind, obwohl sie nach Worten Sandra Meyers in den vergangenen Tagen schon viele Wörter gelernt hat, ist für die Arbeit in der Tagespflege kein großer Nachteil. "Für den Start ist die Tätigkeit dort sogar ideal, denn dort wird viel gesprochen und zugehört. Das wissen wir aus Erfahrung", sagt Stiftungsvorstand Werner Westerkamp voller Überzeugung, dass sich die Deutschkenntnisse seiner neuesten Mitarbeiterin quasi täglich spürbar verbessern werden. Und wenn es mal hakt, gibt es unter den Beschäftigten der Stiftung mehrere, die Russisch sprechen.

Geplant ist jedenfalls, dass die 46-Jährige nach etwa einem Monat zur Pflege in die Wohnbereiche wechselt. Das könnte den Gästen in der Tagespflege vielleicht gar nicht gefallen. Bei denen hat sie offenbar schon jetzt einen dicken Stein im Brett. Klara Wybuda zum Beispiel strahlt Olena Derachyts an, als die ihr beinahe freundschaftlich einen Arm um die Schultern legt.

Arbeit lenkt von Sorgen um Angehörige ab

Die Arbeit hilft Olena Derachyts gerade angesichts aller Sorgen um ihre Familie in der Ukraine, den Kopf zumindest manchmal etwas freizubekommen. "Ich möchte aber einfach nicht nur zu Hause sitzen. Ich möchte möglichst schnell eigenständig werden und mit meinem Sohn in eine eigene Wohnung ziehen", sagt sie.

Auch ihr Sohn hat längst begonnen, sich in Damme einzugewöhnen. An diesem Donnerstag spielt er zum ersten Mal beim OSC Damme Basketball, nachdem er sich im Rasta-Dome in Vechta Dank der Hilfe der Unternehmerin Christine Grimmes das Basketballspiel Rasta Vechtas gegen Ehingen ansehen konnte. Das ist für ihn vielleicht ein kleines bisschen wie Zuhause, denn da gehörte das Basketballspiel zu seinen liebsten Hobbys.

Svyatoslav Derachyts besucht nach den Ferien die Realschule

Auch die schulische Frage ist geklärt. Nach den Osterferien wird er Mitglied der 8a der Realschule. Dann ist auch ein Deutschsprachkurs geplant.

"Wir werden erst wieder zurückkehren, wenn die Lage sicher ist." Olena Derachyts

Einen Englischkurs wird der 13-jährige dagegen nicht benötigen. Denn er beherrscht diese Sprache perfekt, schließlich hat er in der Ukraine eine englische Schule besucht.

Und die hat – da können die Deutschen nur neidvoll schauen – innerhalb weniger Wochen einen Digitalunterricht für ihre längst auf viele Länder verstreuten Schülerinnen und Schüler organisiert, damit sie im Stoff bleiben. Wenn Svyatoslav Derachyts nach den Osterferien die Realschule besucht, erfolgt der Digitalunterricht an den Nachmittagen.

Leben sich gerade ein:  Svyatoslav und Olena Derachyts sind in Damme schon ein bisschen angekommen. Foto: LammertLeben sich gerade ein:  Svyatoslav und Olena Derachyts sind in Damme schon ein bisschen angekommen. Foto: Lammert

Wann er seine Mitschüler in der Ukraine wiedersehen wird? Noch im April? Vielleicht im Mai? Oder erst viel später? Olena und Svyatoslav Derachyts wissen es nicht. "Wir werden erst wieder zurückkehren, wenn die Lage sicher ist", erklärt Olena Derachyts.

"Das Böse muss bestraft werden."Olena Derachyts

Eines aber wissen beide ganz genau: Russlands Präsident Wladimir Putin müsse für den Krieg und die Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. "Das Böse muss bestraft werden", fordert Olena Derachyts. Und sie hofft, dass Belarus nicht auch noch in den Krieg eingreift, weil Putin den Befehl erteilt loszuschlagen. Denn dann würde der Krieg sofort wohl auch Dubrowyzja erreichen.

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