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Tobi schnürt die Wanderstiefel

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Wer im Landkreis Vechta wandern will, bekommt demnächst sogar extra ausgeschilderte Rundwege. Eine wegweisende Idee, die aber noch ausbaufähig ist.

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Zwar ist der deutschlandweite Wanderboom genauso schnell verschwunden wie Corona, aber die nächste Pandemie kommt bestimmt, und dieses Mal soll sich keiner mehr im Dickicht der Dammer Berge oder in den Weiten der Ellenstedter Ebene verlaufen. Deswegen hat der Landkreis Vechta Wanderwege konzipiert, die einheitlich beschildert sind und – man höre und staune – die Strecken  sogar in Wander-Apps integriert. So geht das im 21. Jahrhundert.

Aber Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. So wie Vechta gerne Stadt der Drahtesel wäre und sage und schreibe zwei unbedeutende Nebenstraßen zu Fahrradstraßen umwidmen will, fängt man auch auf Schusters Rappen südoldenburgisch bescheiden an. Derzeit gibt es nur einen Wanderweg, die sogenannte Räuberroute durch die Dammer Berge. Bis weitere Strecken folgen, ist es – Achtung Wortspiel – noch ein langer, steiniger Weg. Es müssen Wege erdacht, Schutzhütten und Rastplätze errichtet und jede Menge betonierte Parkplätze gebaut werden, auf denen das Auto sauber bleibt.

Dabei könnte es so einfach sein. Hier unsere Vorschläge für weitere Routen durch unseren schönen Landkreis: Durch Dinklage führt die Strecke „Wald und Wild“. Wanderinnen und Wanderer entdecken den dank Klimawandel und Menschenhand vertrockneten Forst. Wer sein Smartphone ins Dickicht richtet, kann auf einer Virtual-Reality-App Hirsche, Rehe und Damwild beobachten. Rund um Lohne soll die „Plastikroute“ vorbei an allen wichtigen Kunststofffirmen führen. Im Nordkreis lockt der „Geflügelstieg“ vorbei an Stallanlagen, Brütereien und Schlachthöfen, gewissermaßen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mit der Torfindustrie ist die Kreisverwaltung in Gesprächen über den Bau von Wanderwegen durch das Goldenstedter Moor. Arbeitstitel: „Wolfspfad“.

Durch Sponsoring muss der Landkreis keine Finanzhilfen aus Brüssel versenken. Unternehmen können im Gegenzug entlang des Weges um Fachkräfte werben und an Sonntagen kleine Infoständchen eröffnen, an denen Blasenpflaster als Werbegeschenke verteilt werden.

"Unternehmen können entlang des Weges um Fachkräfte werben und Blasenpflaster verteilen."Stefan Freiwald

In zwei Kommunen sind sie mit den Planungen bereits fertig. An der Industriestraße in Holdorf und auf der Kreisstraße in Schwege bei Dinklage werden demnächst insgesamt rund 300 Bäume gefällt, um den Wanderweg zwischen beiden Orten zu verbreitern und damit den Ansturm der Wanderwütigen bewältigen zu können. Zur Kompensation zugunsten des Lkw-Verkehrs wird in Holdorf 200 Meter weiter eine neue Straße geplant.

Dieses Mal möchte die Verwaltung nachhaltiger sein und an der Ausweichstrecke keine Bäume anpflanzen, „um nachfolgenden Generationen bei einer möglichen Verbreiterungsmaßnahme keine juristischen Auseinandersetzungen mit Naturschützern aufzubürden“, heißt es in einem internen Papier, das dieser Redaktion vorliegt. Richtig so! Wer weiß schon, ob Bäume nicht in 30 Jahren so selten sind, dass sie per se unter Naturschutz stehen.

Aber zurück zum Wandertourismus, an dessen Spitze sich Landrat Tobias Gerdesmeyer persönlich gestellt hat. So soll die Weihnachtsfeier der Kreisverwaltung wegen zu hoher Strom- und Heizkosten gestrichen  und zu einem monatlichen Wandertag umfunktioniert werden. Wie einst Bundespräsident Karl Carstens sehen wir den regen Verwaltungschef schon in Kniebundhose, kurzärmelig-kariertem Funktionshemd und mit Wanderstöcken durch Wald und Flur streifen, gefolgt von einer Horde Wanderbegeisterter mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen: „Das Wandern ist des Tobis Lust, das Wa-an-dern…“


Zur Person:

  • Stefan Freiwald (49) ist Redakteur bei OM-Medien und hat ein Büro für Journalismus, PR & Nachhaltigkeit in Vechta.
  • Er lebt mit seiner Familie in Oythe.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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