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Tierrechtler haben Fleischindustrie der Region im Fokus

Sie fälschen OM-Radfahrkarten und ändern Inhalte, um Schlachtereien und Tierhaltung als negative Hotspots herauszustellen. Aktivisten kündigen das nächste Protestcamp in der Region an.

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Der gefälschte Flyer: Statt Radfahrkarte wird "Tierhaltung im Brennglas" präsentiert. Alle Betriebe finden sich auf einer Karte wieder. Foto: Aktion-agrar.de

Der gefälschte Flyer: Statt Radfahrkarte wird "Tierhaltung im Brennglas" präsentiert. Alle Betriebe finden sich auf einer Karte wieder. Foto: Aktion-agrar.de

Der Flyer sieht zum Verwechseln ähnlich aus. Der Buchstabe M des Logos wird einfach umgedreht, Schriftart und Layout sind gleich. Aber wer glaubt, es hier mit der Radfahrkarte des Verbundes Oldenburger Münsterland zu tun zu haben, reibt sich bei genauerem Hinsehen die Augen. "Oh Weh, Oldenburger Münsterland zu viel Vieh", steht tatsächlich drauf. Darunter der Titel "Tierhaltung im Brennglas". Und im Innenteil findet sich statt des Radwegenetzes auf einer Karte genauestens abgebildet und aufgelistet, wo sich welche Unternehmen, dessen Schlachthöfe, Mastanlagen und sogar die Interessensverbände in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg befinden.

"Aktion Agrar Oldenburg" nennt sich die Initiative, die den gefälschten Flyer gerade über Instagram und den Hashtag #oldenburgermünsterland verbreitet. "Weil jede Medaille zwei Seiten hat, haben wir eine einfach umgedreht: Wir haben die schöne Freizeitkarte der niedersächsischen Landkreise Vechta und Cloppenburg, die auch Oldenburger Münsterland heißen, komplett überarbeitet", heißt es dazu. Die Region würde nicht umsonst den Beinamen "Schweinegürtel" tragen, behauptet die Aktion Agrar in ihrem Post und bietet den Flyer zum Download. Angeblich sind diese Woche Aktivisten in beiden Landkreisen mit dem Fahrrad unterwegs, um sich die Betriebe anzusehen – selbstverständlich nur, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Aber immerhin: Die Organisation gibt als Ziel vor, die als nötig bezeichnete Agrarwende zusammen mit den Betroffenen umsetzen zu wollen.

Diesmal verraten die Aktivisten vorher nicht, gegen wen konkret sich ihr Protest richtet

Anders agiert die Initiative "Gemeinsam gegen die Tierindustrie". Erneut will das Bündnis verschiedenster linker Gruppierungen ein Protestcamp in der Region errichten, dieses Mal Ende September. Erst im vergangenen Jahr zelteten Anhänger des Bündnisses am Goldenstedter Hartensbergsee, um von dort aus ganz konkret gegen den PHW-Konzern mit der Marke Wiesenhof zu protestieren. Letztlich marschierten rund 150 Aktivisten zur Konzernzentrale und blockierten stundenlang die Zufahrt. PHW hatte kurzerhand von der Gemeinde Visbek eine Straße gekauft, um sich zu schützen und zu verbarrikadieren. Sicherheitskräfte sicherten das Gelände hinter dem Zaun, die Polizei mit einem Großaufgebot davor.

Aktivisten blockierten im Juli 2021 die Zufahrt zur PHW-Konzernzentrale in Rechterfeld. Das Unternehmen selbst verbarrikadierte sich hinter einem großen Holztor. Foto: M. NiehuesAktivisten blockierten im Juli 2021 die Zufahrt zur PHW-Konzernzentrale in Rechterfeld. Das Unternehmen selbst verbarrikadierte sich hinter einem großen Holztor. Foto: M. Niehues

Dieses Mal sagen die Veranstalter nicht, welches Unternehmen Ziel der Proteste im September sein soll. Auch wird noch nicht verraten, wo genau das Camp errichtet werden soll. Nur das genaue Datum wird schon bekanntgegeben. Vom 23. bis 27. September soll das Aktionscamp dauern.

Gewollt ist nicht nur ein Systemwechsel bei der Tierhaltung

Inhaltlich heißt es dazu: "Wir richten und gegen die, durch die Tierindustrie verantwortete Klimazerstörung, die erniedrigenden Arbeitsbedingungen der vor allem migrantischen Beschäftigten und die massenhafte Ausbeutung von Tieren." Es gibt bereits Infoveranstaltungen in Berlin, die auch online verfolgt werden können, um Aktivisten zu gewinnen. Letztlich möchte die Initiative am liebsten sofort alle Schlachthäuser schließen und die Bevölkerung für kommunistische Ideale gewinnen. "Shut Down Tierindustrie" heißt es dort immer wieder auf Transparenten, die von Personen getragen werden, die nicht erkannt werden wollen und mehr dem extremeren Spektrum zugerechnet werden dürften. Gewollt ist nicht nur ein System-Wechsel bei der Tierhaltung.

Dazu passt, dass der Staat mit seinen Organen gerne als Feindbild wahrgenommen wird. Am kommenden Wochenende hat daher "Gegen die Tierindustrie" sogar zu einem Laienverteidigungs-Workshop mit Training zu offensiv geführten Gerichtsverfahren eingeladen. Das Prozesstraining soll also jenen Aktivisten dienen, die bei Protesten mit dem Gesetz in Konflikt geraten. "Wenn wir innerhalb linker Bewegungen politisch aktiv sind, stellen wir uns zwangsläufig dem Staat und seinen Macht-, Gewalt- und Repressionsorganen entgegen", heißt es dazu bei Instagram. Deshalb seien Strafen und Repressionen Teil der politischen Auseinandersetzung.

Polizeiliche Hilfe: Eine führende Aktivistin kommt der Polizei-Aufforderung nach Auflösung der Versammlung vor dem PHW-Konzern nicht nach: Sie wird weggetragen. Foto: M. NiehuesPolizeiliche Hilfe: Eine führende Aktivistin kommt der Polizei-Aufforderung nach Auflösung der Versammlung vor dem PHW-Konzern nicht nach: Sie wird weggetragen. Foto: M. Niehues

Für einen Teilnehmer des Protestcamps gegen PHW vom vergangenen Jahr kommt dieses Training zu spät. Er musste sich am Dienstagmittag vor dem Amtsgericht Vechta dafür verantworten, dass er einer mehrfach wiederholten Aufforderung der Polizei zum Verlassen des Ortes nach offizieller Auflösung der Versammlung nicht nachgekommen war.

Gegen ihn und etliche weitere Teilnehmer hatte der Landkreis Vechta deshalb Bußgeldverfahren in Gang gesetzt. Insgesamt 9 Personen legten Einspruch ein. Die Fälle landeten beim Amtsgericht Vechta. Alle hatten offensichtlich später eingesehen, dass ihr Vorgehen nicht erfolgreich sein wird und ihren Einspruch zurück gezogen. Nur der Mann aus dem Ruhrgebiet zog sein Ding durch und zeigte sich am Ende überrascht. Ein Polizeibeamter als Zeuge und die Akten der Richterin belegten, dass die Demonstranten, deren Versammlungsrecht und alle Abläufe derart ordnungsgemäß abliefen, dass auch dem Teilnehmer die Argumente ausgingen.  100 Euro Bußgeld sollte er zahlen.

Mann kassiert Urteil, obwohl er sich die Gerichtskosten hätte sparen können

Obwohl die Richterin dem Mann wohlwollend anbot, den Einspruch zurückzuziehen, um ihm im Falle der wahrscheinlichen Verurteilung die dann zusätzlich fälligen Kosten des Gerichtsverfahrens zu ersparen, stellte er dennoch den aussichtslosen Antrag auf Freispruch – vergebens. Anschließend bedankte er sich für das freundliche und faire Verfahren. Es sei "alles super gelaufen" bestätigte er. Linke Klischee-Vorstellungen und die Realität passen offensichtlich nicht immer zusammen.

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