Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Thank you for waiting for Deutsche Bahn!

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Der Staatskonzern sagt der Automatisierung den Kampf an. Es soll mehr menscheln. Die erste Modellanlage entsteht derzeit in Vechta.

Artikel teilen:

Scanner ersetzen die Kassiererin im Supermarkt, in Restaurants lässt sich per App bestellen, und Roboter bringen das Essen an den Tisch. Gut, dass wenigstens die Deutsche Bahn noch auf den Faktor Mensch setzt. Und zwar menschelt es seit ein paar Wochen an einem Bahnübergang in Vechta. Dort sorgen kompetente Mitarbeiter eines von der Bahn beauftragten Sicherheitsdienstes dafür, dass keine Radfahrerin und kein Radfahrer mehr von einem Zug überfahren wird. Minuten, bevor die Nordwestbahn über die Oldenburger Straße rauscht, kommt ein Wächter aus seinem Bauwagen und sperrt mit einem Flatterband den Übergang, denn auf dem Radweg fehlen im Gegensatz zur Straße die Schranken.

Nach etlichen Jahren Tatenlosigkeit und nicht wenigen zum Teil tödlichen Unfällen hat uns die Bahn mit einer schnellen, unbürokratischen Lösung mit menschlicher Komponente überrascht. Auch wenn sie nun etwas länger warten müssen: RadfahrerInnen erzählen bereits von anregenden Unterhaltungen in der Wartezeit. Das kann eine automatische Schranke nicht bieten.

"Fachkräfte gibt es mehr als genug. Sie warten nur darauf, adäquat eingesetzt zu werden."Stefan Freiwald

Kommende Woche sollen noch Kaffeestände und Würstchenbuden auf jede Seite gebaut werden. Eine Sanitäranlage (Dixi-Klo) gibt es bereits. Ein nahegelegenes Autohaus stellt bei schönem Wetter eine Hüpfburg für Kinder auf. Eine Fahrradwerkstatt steht bereit, um  Reifen aufzupumpen und Ketten zu schmieren. Im Winter will ein örtlicher Sanitärgroßhandel Whirlpools zum Aufwärmen der durchgefrorenen Wartenden installieren. Vechta kommt nach der Pandemie endlich wieder zusammen – an einem Bahnübergang. Thank you for waiting for Deutsche Bahn!

Die Lösung hat durchaus Vorbildcharakter und könnte an jedem unbeschrankten Bahnübergang deutschlandweit umgesetzt werden. Und nicht nur das: Auch an anderen Stellen könnte es wieder menscheln. Fachkräfte gibt es schließlich mehr als genug. Sie warten nur darauf, adäquat eingesetzt zu werden. Warum zum Beispiel gibt es keine Wächter(innen) am neusten Prestigebau in Lohne, der Parkgarage am Krankenhaus. "Moin in Lohne", könnte ein netter Rentner oder eine freundliche Rentnerin sagen. "Ambulant oder stationär hier? Nur zu Besuch? Macht 3 Euro. Mit Karte geht nicht. Hamses nich kleiner? Sie sehen doch, was hier los ist!" Angenehm, dass es wieder menschelt.

Schade, dass andere menschliche Begegnungsstätten im gleichen Atemzug verschwinden, wie auf dem Marktplatz in Cloppenburg. Wenn die Nacht hereinbricht, ist das Areal der einzige Treffpunkt für eine Randgruppe, die es bei dem ganzen Gerede vom Klimawandel, dem Überhand nehmenden Radverkehr und dem anderen Öko-Wahn nicht leicht hat: Die Autoposer und ihre Boliden mit selbst gebasteltem Auspuff sind nicht mehr erwünscht. Noch weist nur ein Verbotsschild darauf hin. Doch das wird wahrscheinlich nicht reichen.

Sie ahnen es: Da muss ein Mensch her. Der Schrankenwärter aus Vechta hat aber erst von Sommer 2023 an Zeit, wenn die Bahn ihren ehrgeizigen Plan verwirklicht, eine vollautomatische Gleissperranlage über den Radweg bauen lässt und  die Würstchenbuden, Kaffeestände und Hüpfburgen abgebaut sind. Menschlich enttäuschend, aber der Fortschritt kommt ganz automatisch.


Zur Person:

  • Stefan Freiwald (49) ist Redakteur und betreibt ein Büro für Journalismus, PR & Nachhaltigkeit in Vechta. Er lebt mit seiner Familie in Oythe.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Thank you for waiting for Deutsche Bahn! - OM online