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Süßer die Tannen nie duften

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Für manchen ist es der Lebkuchen oder der Glühwein, mich erinnert der Duft der Tanne an Weihnachten – und Verkabelungsarbeiten im Stall zu Bethlehem.

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Kennen Sie diesen unverkennbaren Duft, der Ihnen in die Nase strömt, wenn Sie eine leere Kirche betreten? Dort liegt diese Mixtur aus kühlem Stein, Kerzenwachs und dem jüngsten Weihrauch in der Luft. Auf dieses olfaktorische Erkennungsmerkmal war ich auch jüngst dieser Tage eingestellt, als ich im Zuge des Wochenendspaziergangs im Turm meiner Heimatgemeinde, St. Augustinus in Cloppenburg, die Glastür zum Kirchenraum öffnete.

Doch weit gefehlt und wohligst überrascht! Denn diesmal lagen ganz andere, nicht minder vertraute Noten in der Luft: der Duft der Weihnacht. Fleißige Hände hatten nämlich – gut eine Woche vor dem Fest – die beiden großen Tannenbäume hinterm Altar aufgestellt. Dazu den Unterbau der Krippenlandschaft inklusive weiterer darauf platzierter Nadelbäume. Nur einmal im Jahr duftet die Tanne auf diese Weise. Im Frühjahr vermögen die hellgrünen Zweige nicht annähernd diesen Zauber zu versprühen.

Während ich vor der noch kargen Krippenlandschaft in der Kirchenbank Platz nehme, denke ich an die Zeit zurück, zu der ich selbst noch Teil einer Gruppe war, die alljährlich an meist 2 Tagen die Krippe in der Augustinus-Kirche aufgebaut hat.

"Wer den Ochsen oder auch das imposante Kamel 'erwischte', hatte das ganz große Los gezogen."Heiko Bosse

Maria, Josef, die drei Weisen, unzählige Schafe – jede einzelne Figur wollte zu Beginn der Arbeiten auf Händen aus dem Sommerquartier in die Kirche getragen werden. Wer dabei den Ochsen oder auch das imposante Kamel "erwischte", hatte das ganz große Los gezogen. Meist bis kurz vor Mitternacht kletterten wir über die hölzerne Bühne, um Moos zu drapieren, Heu gefällig rieseln zu lassen, beim Krabbeln im Untergrund mit der Kniescheibe passgenau auf einem Kabel zu landen und jedem Hirten freien Blick auf die Botschaft des über dem Stall schwebenden Engels zu garantieren: "Gloria in excelsis deo."

Meist nur von einer kurzen Pizza-Pause im Pfarrheim unterbrochen – danke, Christos! – , werkelte jeder an seinem persönlichen Steckenpferd. Zu leisen gregorianischen Weihnachtschorälen von der CD oder dem "Transeamus" des Kirchenchores, der seine Generalprobe auf dem Orgelboden absolvierte, galt es, Schwester Henrietta das Feld für den Heiligen Abend zu bereiten. Denn: Jede Figur durfte schon Tage vor dem Fest – wenn auch noch im Dunkeln – an ihrem jeweiligen Platz stehen. Nur die eine nicht: Erst am Nachmittag eines jeden 24. Dezember komplettierte Schwester die Krippe, indem sie das Jesuskind in den Stall bettete.

Wenn ich heute den Tannenduft in der Kirche rieche, denke ich an diese anstrengend schönen Arbeitseinsätze zurück und weiß: Es ist Weihnachten.

Wo Schwester Henrietta einst im Schatten des Kirchturms wohnte, gewährt heute eine Baulücke Sicht auf den Bahnhof. Sie verbringt ihren Lebensabend im emsländischen Seniorenheim des Ordens. Vielleicht erinnert auch sie sich am Samstagnachmittag an ihre einstige Aufgabe in St. Augustinus zurück, wenn sie an das Jesuskind denkt – und die Tannen duften. Ein gesegnetes Fest!


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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