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Störung der olympischen Andacht

Kolumne: Batke dichtet – Das olympische Feuer brennt bei mir allenfalls auf Sparflamme. Vor 21 Jahren in Sydney, als ich als Reporter live vor Ort war, erfasste mich der Spirit heftiger.

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Theoretisch hätte ich als Ruheständler ja Zeit. Viel Zeit, um mir die volle Dröhnung Olympia zu geben. Übertragen wird schließlich rund um die Uhr. Und wenn die Öffentlich-Rechtlichen nach 16 Stunden abschalten, kann man sich immer noch bei Eurosport einen Nachschlag holen. Auch wenn die TV-Schaffenden insgesamt einen guten Job machen: Das olympische Feuer brennt bei mir allenfalls auf Sparflamme. Vielleicht liegt es an der coronabedingten sterilen Atmosphäre in Tokio, vielleicht auch daran, dass bei „unseren“ Athleten so viel nicht rund läuft. 

Es gab andere Spiele, bei denen mich der olympische Spirit heftiger erfasste, insbesondere die vor 21 Jahren in Sydney, wo ich als Reporter live vor Ort war. Australien, dieses sportverrückte Land, hatte die Welt zu Gast und zelebrierte ein Ereignis, das bis heute nachwirkt und gar in die Ferne reicht: In 11 Jahren wird Brisbane an der Ostküste des 5. Kontinents Ausrichter des Geschehens im Zeichen der 5 Ringe sein.

Zurück nach Sydney 2000; es waren prächtige Spiele vom 15. September bis zum 1. Oktober im australischen Frühling – durchaus vergleichbar mit dem deutschen Fußball-Sommermärchen von 2006 hinsichtlich Emotionalität, Begeisterung und Atmosphäre. Ich war Augenzeuge großer Momente im 112.000 Zuschauern fassenden Olympiastadion, wo die einheimische 400-m-Läuferin Cathy Freeman, die das olympische Feuer entzündet hatte, als erste Aborigine eine Goldmedaille gewann.

"Ich erlebte hautnah mit, wie die deutschen Springreiter um den damaligen Mühlener Otto Becker als Equipe Olympiasieger wurden." Alfons Batke 

Ich saß nur einen Steinwurf von der Weitsprunganlage entfernt, die für Heike Drechsler zur Goldgrube wurde. Oder ich erlebte hautnah mit, wie die deutschen Springreiter um den damaligen Mühlener Otto Becker als Equipe Olympiasieger wurden.

Wenn auch manches verblasst, so ist mir doch noch der Besuch meiner ersten und bisher einzigen Judo-Veranstaltung in Erinnerung. Man mag es für etwas snobistisch halten, dass ich mir dafür ausgerechnet den Olympia-Event von Sydney ausgewählt hatte. Aber um mitreden zu können, muss man mal bei den Kittelträgern gewesen sein, dachte ich mir. Was ich allerdings nicht wusste: Es war ein wenig wie im Opernhaus, ein fast andächtiges Ambiente. Mein Nachteil: Ich kam mit Verspätung ins Convention Centre, man ging sich auf den Matten schon längst an die Wäsche, als ich mir recht umständlich den Weg zur Pressetribüne bahnte. Ich erntete viele böse Blicke während meiner Platzeroberung, einige hätten den ignoranten Störenfried wohl am liebsten mit einer großen Außensichel zur Strecke gebracht.

Schnell registrierte ich, dass etwa 6000 der anwesenden 7000 Besucher Fähnchen schwangen, deren weißen Grund ein roter Punkt in der Mitte zierte. Ich war also in japanisches Territorium eingedrungen. Erst als die im Land der aufgehenden Sonne wie Popstars verehrten Athleten erwartungsgemäß ihre Goldmedaillen gewannen und auch ich artig Beifall klatschte, wurde ich zum geachteten Mitglied der internationalen Judofamilie. Quasi als Ritterschlag krachte mir die Rechte eines hinter mir sitzenden euphorisierten japanischen Kollegen auf die Schulter. Ich blieb gelassen, lupfte nur ein wenig das Shirt. Mein neuer Freund aus Nippon sah, was meine Hose umspannte: Schwarzer Gürtel!


Zur Person: 

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der Autor lebt als freier Ruheständler in Lohne.

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