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Steine klopfen für die Ewigkeit in Vörden: Ann-Katrin Wernke wird Steinmetzin

Die Berufswahl der jungen Handorferin ist für eine Frau noch ungewöhnlich. Etwas exotisch ist auch: Sie wird eine klassische Ausbildung durchlaufen. In der Branche ist das längst nicht mehr die Regel.

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Ann-Katrin Wernke wird Steinmetzin. Foto: E.Wenzel

Ann-Katrin Wernke wird Steinmetzin. Foto: E.Wenzel

Nur die Vögel leisten ihr Gesellschaft: Ansonsten verbringt Ann-Katrin Wernke an diesem Tag viele einsame Stunden. Sie ist ganz allein auf dem Friedhof in Vörden.  In Stille arbeitete sie an einem Grabstein. Die alte Schrift musste neu nachgemalt werden. 3 Stunden kommen ihr dabei vor wie 10 Minuten. "Das ist eine sehr meditative Arbeit", sagt die junge Frau. Der ruhige Ort ermögliche, sich voll auf die Arbeit zu konzentrieren. Und genau das reizt sie.

Ann-Katrin Wernke möchte Steinmetzin werden. Im August beginnt sie ihre Ausbildung bei der Steinmanufaktur Voigt & Feldker in Vörden. Damit ist die 19-jährige Handorferin eine Ausnahme. Auszubildende gibt es in der Branche nicht viele. Das zeigt sich allein durch die Klassengröße in den Berufsschulen. Steinmetzin Charlotte Voigt aus Vörden fallen auf Anhieb nur drei Steinmetzschulen in Norddeutschland ein. Ann-Katrin wird die Steinmetzschule in Königslutter bei Helmstedt (Ost-Niedersachsen) besuchen. Dort seien die Klassen sehr klein. Im Süden der Republik sei die Lage anders, erklärt Charlotte Voigt.

Die angehende Auszubildende Wernke arbeitet schon jetzt einmal die Woche in Vörden. Hauptsächlich betätigt sie das Strahlgerät, säubert und bemalt Grabsteine. Ihr gefällt die Arbeit: "Jeden Tag kann man etwas machen, was für die Ewigkeit steht."

Mit Knüpfel und Meißel bei der Arbeit. Aus dem Stein soll ein Muffin werden. Foto: E.WenzelMit Knüpfel und Meißel bei der Arbeit. Aus dem Stein soll ein Muffin werden. Foto: E.Wenzel

Eigentlich wollten sie nicht mehr ausbilden

Die Steinmanufaktur Voigt & Feldker ist spezialisiert auf Grabmale. Sie stellt aber auch anderes, wie etwa Steinbänke, her. Dabei ist  es den Betreibern wichtig, das Handwerk zu erhalten. Volker Voigt leitet den Betrieb seit 1986. 2008 kam seine Tochter Charlotte dazu. Sie überschlägt, dass ihr Vater im Lauf der Jahre sein Wissen bisher an etwa  sechs Auszubildende weitergegeben hat. Es sei "schwierig jemanden zu finden, der einigermaßen brauchbar ist". Dieses Problem hätten viele Handwerksbetriebe, weiß Charlotte Voigt.  Deshalb fällten Vater und Tochter einen Entschluss: Sie wollten nicht mehr ausbilden.

Lange weichklopfen musste Ann-Katrin ihre künftigen Ausbilder aber nicht: Sie sei ein "Glücksfall", sagen diese.  Ganz ähnlich denkt Ann-Katrin über ihren zukünftigen Ausbildungsplatz, den sie in den Schulferien als Praktikantin kennenlernte. Schon nach zwei Tagen durfte sie eine   Treppenstufe bearbeiten. "Ich hatte noch nie so viel Spaß." Da war klar: "Das ist mein Traumjob". 

Immer weniger Betriebe arbeiten selbst am Stein

Neben der gestalterischen Arbeit – die "ihr Ding" ist – reizt die angehende Steinmetzin die Abwechslung. Mal sei man drinnen und arbeite im Büro oder am Zeichentisch. In der Kundenberatung zeige sich die soziale Seite des Berufs. Und wieder anders sei es, wenn man Grabsteine vergolde oder draußen auf Steine "draufhaut".  Den Meistertitel hat die Abiturientin schon  jetzt ins Visier genommen und ist sich sicher, dem Handwerk auch später treu zu bleiben:  "Ich habe einfach Spaß im Handwerk und es  ist meine Leidenschaft." 

Da ist sie für die klassische Ausbildung zum Steinmetz im Vördener Betrieb bestens aufgehoben. Denn in der Branche fände ein Wandel von Handwerk zu Handel statt, erklärt Charlotte Voigt. Der Import von fertigen Grabsteinen führe dazu, dass immer weniger Betriebe ihre Grabmale selber herstellen. Dadurch nähmen die handwerklichen Fertigkeiten ab. Ann-Katrin Wernke wird als Azubi beispielsweise  noch den klassischen Design-Prozess der Schriftzüge lernen. Das übernimmt mittlerweile bei vielen Steinmetzen aber häufig ein Computer. Charlotte Voigt findet: "Damit schafft man sich selber ab."

An dem Zeichentisch werden die Schriftzüge vorgezeichnet. Das Design der Schrift per Hand wird seltener. Foto: E.WenzelAn dem Zeichentisch werden die Schriftzüge vorgezeichnet. Das Design der Schrift per Hand wird seltener. Foto: E.Wenzel

Schwere Gedanken ums Heben hatten nur kurz Wernkes Entschluss, Steinmetzin zu werden, eingetrübt.  Maschinen – wie Böcke und Hebebühnen – erleichtern die Arbeit und sorgen dafür, dass die Branche zwar langsam, aber doch merklich weiblicher wird.  Wernkes Chefin bringt die Arbeit auf den Punkt: "Das ist hantieren mit rohen Eiern, die Tonnen wiegen." Naturstein sei eben sehr empfindlich.

Vorsicht, also Einfühlungsvermögen, ist auch bei den  Kunden geboten, da es meist Trauernde sind.   Für Ann-Katrin Wernke ist die Arbeit selbst deshalb aber längst nicht traurig: "Jeder Grabstein, den man macht, ist eine Erinnerung an einen Menschen und darauf kann man immer stolz sein."

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