Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

SPD drängt auf besseren Hochwasserschutz im Landkreis Vechta

Die Sozialdemokraten im Kreistag fordern: Die Verwaltung soll prüfen, ob ein Risiko-Management notwendig ist. Auslöser des Antrags ist die Katastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz.

Artikel teilen:
Land unter in Vechta: Die Aufnahme vom Oktober 1998 zeigt, wie Teile der Stadt überschwemmt sind. Archivfoto: Kokenge

Land unter in Vechta: Die Aufnahme vom Oktober 1998 zeigt, wie Teile der Stadt überschwemmt sind. Archivfoto: Kokenge

Plötzlich ist er da, der Starkregen. Wassermassen gehen nieder, können nirgendwo versickern oder sich auf Spezialflächen sammeln, die Kanalisation ist überlastet, reißende Fluten entstehen, dringen in Häuser ein, zerstören das Mauerwerk sowie Hab und Gut der Bewohner, reißen Holzzäune mit sich, Autos werden weggespült – und: Viele Menschen sterben.

Dieser Katastrophenfall ist vor wenigen Tagen zur tragischen Realität geworden – in Gebieten von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. 180 Tote gab es. Immer noch werden mehrere Personen vermisst, der Schaden beträgt nach Schätzungen von Versicherern vier bis fünf Milliarden Euro.

Kann sich ein solches Schreckensszenario auch im Landkreis Vechta ereignen? Sind die Kreisverwaltung und die Kommunen gewappnet – und: Was muss unternommen werden, um sich vor Ort besser vor verheerenden Auswirkungen von massiven Wasserfluten zu schützen? Außerdem stellt sich diese Frage: Funktioniert im Ernstfall die Alarmierung der Bevölkerung?

"Es wäre naiv zu glauben, dass zukünftig die Region Landkreis Vechta (...) von möglichen Starkregenereignissen verschont bleiben würde."Eckhard Knospe, SPD-Fraktionsvorsitzender im Kreistag

Die SPD-Kreistagsfraktion will es – angesichts der infernalischen Bilder und Meldungen aus NRW und Rheinland-Pfalz – genau wissen und sieht bei der Prävention dringenden Handlungsbedarf. Denn: Hochwasser infolge von Sturzregen ist in den vergangenen Jahren im Landkreis mehrfach aufgetreten.

Die Sozialdemokraten im Kreisparlament haben deshalb einen entsprechenden Antrag „zur weiteren Optimierung des Starkregen- und Hochwasserschutzes im Landkreis Vechta" gestellt. Das dreiseitige Papier soll auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung des Bau-, Struktur- und Umweltausschusses.

"Es wäre naiv zu glauben, dass zukünftig die Region Landkreis Vechta (...) von möglichen Starkregenereignissen verschont bleiben würde", sagt der Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion, Eckhard Knospe. Die Vergangenheit habe "bereits Gegenteiliges gezeigt", hebt Knospe hervor und erinnert "zum Beispiel" an "Sturzregenereignisse in Lohne und Damme" - sowie an die Folgen.

Rückblende: Der Starkregen am 2. August 2019 hatte in Lohne und Dinklage zu zahlreichen Schäden geführt. In Lohne-Gingfeld verzeichnete eine Messstation 82 Liter Regenwasser auf den Quadratmeter. Die Folge: Die Kanalisation konnte die Sturzfluten nicht mehr aufnehmen. Das Wasser lief über Bürgersteige und Straßen in Keller. In Lohne stand der Technikraum des Waldbades unter Wasser. In Dinklage musste ein Zeltlager evakuiert werden.

SPD: Prognosen von Fachleuten erhöhen Handlungsdruck

Knapp ein Jahr später, im Juni 2020, fielen 70 bis 90 Liter Wasser in Teilen des Dammer Stadtgebietes innerhalb von nur zwei Stunden pro Quadratmeter – mit teils verheerenden Auswirkungen. Erst drei Jahre zuvor, im Juli 2017, hatten Wolkenbrüche zu Überschwemmungen im Südkreis geführt. Auch im Jahr 1998 gab es im Oktober ein Hochwasser, das Teile der Vechtaer Innenstadt überschwemmte.

Die SPD verweist in ihrem Antrag auf "Prognosen ausgewiesener Fachleute, die zukünftig eine hohe Zunahme an Starkregenereignissen aufgrund der fortschreitenden Klimaveränderungen erwarten". Das sei "besorgniserregend" und erhöhe "den Handlungsdruck“.

Der Landkreis sei in der Verantwortung, mahnt die SPD – auch wenn die hiesigen Niederschlagsmengen, die zu Ausnahmesituationen geführt hatten, in keinem Verhältnis zu den jüngsten Niederschlagsmengen in NRW und Rheinland-Pfalz stünden.

Berechnungen seien "nicht mehr aktuell"

Weiter hebt die SPD in dem Antrag hierauf ab: In den Jahren 2014/2015 habe der Landkreis mehrere Gewässer beziehungsweise Gewässerabschnitte als Überschwemmungsgebiete festgesetzt, um im Fall eines Hochwassers Schäden gering zu halten. Das sei aber unter der Annahme eines "Jahrhundert-Hochwassers" erfolgt – also einer Pegelhöhe und Abflussmenge, die im statistischen Mittel einmal alle 100 Jahre erreicht oder überschritten werde.

Diese Berechnungen seien aber "nicht mehr aktuell", heißt es in dem SPD-Antrag. Denn die bisherige Faktenlage und Einschätzungen von Fachleuten ließen den Schluss zu, "dass eine größere Anzahl an (...) Starkregenereignissen auch im Landkreis Vechta zu einer erhöhten Gefahrenlage führt".

Fordert Handlungskonzept: Eckhard Knospe (SPD). Foto: DorgeloFordert Handlungskonzept: Eckhard Knospe (SPD). Foto: Dorgelo

Deshalb schlägt die SPD "ein ganzheitliches Handlungskonzept" vor. Beispielsweise könne ein "Starkregen-Risiko-Management" aufgestellt werden. Gefahrenbereiche sollen identifiziert und Risiken bewertet werden, dazu müsse es "adäquate Maßnahmen und Handlungskonzepte" geben.

Auch eine Stark-Regen-Risikoanalyse soll es geben. Laut Beschlussvorschlag soll die Verwaltung beauftragt werden zu prüfen, ob ein "Starkregen-Management" eingeführt oder ob zunächst eine Analyse zum Starkregen-Risiko durchgeführt werden soll.

Auch "Alarmierungsprozesse" sind im Fokus

Zudem soll es einen Prüfauftrag an die Kreisverwaltung geben, der sich diesen Fragen widmet: Ist der aktuelle Bevölkerungs- und Katastrophenschutz im Landkreis so aufgestellt, dass er außergewöhnliche Starkregenereignisse bewältigen kann? Und wie sieht es in Sachen Funktionalität und Aktualität "bestehender Alarmierungsprozesse für die Bevölkerung" aus?

In die Sitzung des Ausschusses sollen auch Vertreter des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sowie des Kreisamtes für Umwelt und Tiefbau eingeladen werden, um eine Abschätzung abzugeben, ob der Hochwasserschutz im Landkreis ausreicht, wenn es Starkregenereignisse wie in NRW oder Rheinland-Pfalz geben sollte. Auch Vertreter des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV) sollen eingeladen werden, um mögliche Schwachstellen in der Oberflächenentwässerung bei Starkregen aufzuzeigen.

Das Papier sei "kein Wahlkampf-Antrag", betont Knospe, um solchen "Unterstellungen" vorab zu begegnen. Die SPD-Fraktion sei von der Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Debatte zum Hochwasserschutz "zutiefst überzeugt". Knospe, der auch SPD-Fraktionsvorsitzender im Rat der Stadt Lohne ist, hat dort einen ähnlichen Antrag eingereicht.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

SPD drängt auf besseren Hochwasserschutz im Landkreis Vechta - OM online