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Spätsommer

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Jede Jahreszeit hat so ihre Reize, schlechten und schönen Seiten. Doch beeinflussen sie das eigene Empfinden recht unterschiedlich.

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Haben Sie eine Lieblingszeit im Jahreskreis? Ich liebe den Mai, wenn das Leben mit aller Macht hervorbricht und mit frühen Blüten und frischem Grün die letzten Reste winterlicher Kargheit überschüttet. Auch die warmen, nicht zu heißen Sommertage mag ich, an denen wir schon zum Frühstück auf der Terrasse sitzen können. Und die Adventszeit, an denen wir Licht um Licht die wachsende Dunkelheit zurückdrängen aus Haus und Herz. Schwer erträglich finde ich hingegen, wenn sich der späte Winter hinzieht und die trüben kalten Tage nicht enden wollen.

Die jetzige Zeit, den Spätsommer, erlebe ich zwiespältig. Die Sonne brennt nicht mehr so, sie leuchtet sanfter, die Luft ist nicht mehr flirrend vor Hitze oder gewitterschwül. Die Vögel wecken mich nicht mehr lange vor Sonnenaufgang, und die Morgenstunde ist frischer. Auch mag ich die satten Farben der spätsommerlichen Sonnenblumen und Dahlien. Und doch macht der Spätsommer mich seit Kindertagen ein wenig wehmütig. Damals waren die Ferien vorbei, endete die wunderbare Frei-Zeit.

Und schon längst, bevor ich alt wurde, waren die merklich kürzer werdenden Tage für mich ein Hinweis darauf, dass nun das pralle Leben des Sommers Abschied nimmt; und die ersten Nebel, die am frühen Morgen über die Felder ziehen, kündigen an: Der Winter naht! Im Winter bin ich längst, wenn ich meine statistisch erwartbare Lebenszeit mit dem Jahr vergleiche. Doch mein Lebensgefühl ist herbstlich, wie im Oktober. Die Arbeit ist getan, die Ernte eingebracht, auch wenn noch da und dort Früchte eingesammelt werden können. Der Speicher ist gefüllt mit guten Erinnerungen und bewährten Freundschaften, und die Enkel sind wie Saatgut des Lebens für die Zeit nach mir.

"Aber der Spätsommer ist für mich noch immer wie eine Rose mit Dornen, noch immer schmerzt mich jedes Abschiednehmen."Heinrich Dickerhoff

Ich kann mit dieser Herbststimmung gut leben, manchmal ist sie golden wie ein schöner Oktobertag. Aber der Spätsommer ist für mich noch immer wie eine Rose mit Dornen, noch immer schmerzt mich jedes Abschiednehmen. Ich bekomme deshalb keine Depression, keine Sorge. Nur ein wenig bittersüße Wehmut, so schön wie traurig. Ist doch jede Trauer der Schatten des Kostbaren. Wenn wir am Ende eines Urlaubs traurig sind, war der Urlaub gut. Wenn wir um einen Menschen trauern, war er uns wichtig und lieb. Jedes Ende, das wir bedauern und betrauern, ist das Ende einer Erfahrung, die unser Leben reich gemacht hat, auch wenn sie nun endet.

Nur eine Trauer ist trostlos: die um versäumtes Leben, um nicht genutzte Chancen, um nicht gesehene Schönheit, um das, was hätte sein können und nie angefangen hat. Also werde ich auch meine spätsommerliche Melancholie genießen. So viel Schlimmes dieses Kriegsjahr auch gebracht hat, für mich war da auch viel Schönes, manches war lang erwartet und geplant, manches kam völlig überraschend. Ich kann wohl dankbar sein. Und außerdem freue ich mich jetzt schon auf Federweißen und Zwiebelkuchen.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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