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Sonnenaufgang

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Der Sonnenaufgang ist das Gefühl des Lichtblicks und ein physikalisches Phänomen zugleich. Entscheidend ist die Perspektive des Betrachters.

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Nun sind die Tage wieder kürzer als die Nächte. Es wird später hell. Das macht es schwerer, aufzustehen. Aber leichter, einen Sonnenaufgang zu erleben. Hier und heute um 7.37 Uhr.
Und jeder Sonnenaufgang ist ein Wunder, ein uraltes Bild für den immer neuen Beginn des Lebens. „Morning has broken like the first morning“, sang Cat Stevens. Und im Markus-Evangelium kommen Frauen am Ostermorgen zum Grab Jesu, als eben die Sonne aufgeht – ein Sinn-Bild für eine Erfahrung, die das Wort Auferstehung eher erinnert als beschreibt.

Einen mir unvergesslichen Sonnenaufgang habe ich vor mehr als 40 Jahren in Assisi erlebt. Um 4 Uhr in der Frühe brachen wir auf. Im Mai war die Nacht noch kühl, wir stolperten auf einem schmalen steinigen Pfad durch die Dunkelheit, mussten auch noch einen Bach durchwaten. Mir war kalt, alles war klamm, ich war hungrig und meine Stimmung trübe. Dann ging die Sonne auf, und alles war anders. Der Pfad lag klar vor mir, und wenn auch die Luft nicht wärmer wurde beim Sonnenaufgang, uns allen wurde wärmer ums Herz. Mit dem Sonnenlicht breitete sich ein Lächeln aus auf den gerade noch verdrossenen Gesichtern, und einer stimmte den Sonnengesang an.

Immer noch berührt mich jeder Sonnenaufgang, den ich erlebe. Dabei weiß ich, dass es gar keine Sonnenaufgänge gibt. Denn nicht die Sonne geht auf, sondern die Erde dreht sich so, dass mir die Sonne in den Blick kommt. Die Sonne geht mir auf. Hier und heute um 7.37 Uhr.

"Ich kenne nicht die absolute Wahrheit, kann nicht den Sinn der Welt erklären und weiß nicht, wie Gott ist. Ich kann nur manchmal spüren, wo mir Wahrheit aufgeht. Oder Sinn. Oder Gott."Dr. Heinrich Dickerhoff

Es ist wohl mit allen wirklich wichtigen Wahrheiten wie mit dem Sonnenaufgang. Ich kenne nicht die absolute Wahrheit, kann nicht den Sinn der Welt erklären und weiß nicht, wie Gott ist. Ich kann nur manchmal spüren, wo mir Wahrheit aufgeht. Oder Sinn. Oder Gott. Wo mir aufgeht, was mich trägt und treibt und tröstet.

Ein wichtiger Sonnenaufgang ist mein kleines Enkelkind. Wer Kinder oder Enkel hat, kennt wohl das Gefühl: Ich habe das schönste (Enkel-)Kind der Welt. Aber dieses Urteil ist nicht Ergebnis objektiver Messungen. Vielmehr geht uns gerade bei diesem Kind das Herz auf für die Wahrheit, dass das Leben ein Wunder ist. Und die gleiche Wahrheit geht auch anderen auf – bei den ihnen geschenkten Kindern. Wenn auch unterschiedliche Kinder uns staunen lassen, so macht uns das doch nicht zu Konkurrenten, sondern zu Verbündeten. Damit es für diese Kinder eine Zukunft gibt.  Immer wieder einen Sonnenaufgang.

Bei jedem Sonnenaufgang muss ich mich entscheiden. Bei jedem Lichtblick. Jeder Liebe. Jedem Einfall, der mein Herz berührt. Geht mir hier etwas auf vom Geheimnis des Lebens. Oder gibt es gar keine Sonne, ist das Licht nur Selbstbetrug, und wie eine Erde ohne Sonne drehen wir uns immer nur um uns selbst und rollen ohne Grund und Ziel in die Dunkelheit? Wenn ich meine Enkel anschaue, fällt mir die Entscheidung nicht schwer.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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