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So viel Unbarmherzigkeit und so wenig Fürsorge

Gästebuch: Seit dem Münsteraner Missbrauchsgutachten überbieten sich die Büßer im Gewande um Schadensbegrenzung. Dabei wird gnadenlos vom Thron gestoßen, wer sich daneben benommen hat.

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Die hohen Herren unserer katholischen Kirche haben schon vor Monaten ihre feinen Soutanen abgelegt, sich umgezogen und die Bußgewänder angelegt. Spätestens seit dem Münsteraner Missbrauchsgutachten ist "mea culpa" ihr "Ding". Schuldbewusst beten sie ihr Mantra herunter: Wir haben gesündigt, haben jahrelang vertuscht und verheimlicht. Missbrauch an Schutzbefohlenen haben wir intern geregelt. Das sollte unter uns bleiben. Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig.

Die für Straftaten eigentlich zuständige Staatsanwaltschaft haben wir ferngehalten. Unsere schlimmste Strafe in der Praxis war die Versetzung des missbrauchenden Gottesmannes. Wer dachte schon an die Opfer? Die hatten entweder selbst Schuld oder gingen unter im alles überstrahlenden Heiligenschein der Geweihten. Wie Macken Mia immer sagte: "Heilig fromm, Himmel komm. Und dabei Gegenteil!"

Jetzt im rauen Gegenwind überbieten sich die Büßer im Gewande um Schadensbegrenzung. Unseren Bischof in Münster treibt der quälende Gedanke um: Was machen wir mit den Gräbern der mitschuldig gewordenen Bischöfe? Die Gruften im Hohen Dom erst einmal schließen. Unser Weihbischof aus Nikolausdorf ist gerade 70 geworden. Er klopft sich an die Brust im Bußgewand und klagt, "nicht immer ein geschicktes Händchen" in der Missbrauchs-Causa gehabt zu haben. Aber verehrte hohe Herren: Mit drei "Vaterunser" und sechs "Gegrüßet seist du Maria" ist es nicht getan.

Das Pendel schlägt zurück, und zwar sowas von. Es wird aufgeräumt, abgeräumt und instand gesetzt. Da soll keiner meinen, hier werde etwas vertuscht und unter den kirchlichen Brokatteppich gekehrt. Nein, die dunklen Zeiten sind endgültig vorbei. Jetzt wird Kirche sauber. Man trägt nun Sack und Asche. Späne fallen da natürlich, wenn dermaßen gehobelt wird. Besser alle über einen Kamm scheren, als dass einer ungeschoren bleibt. Kollateralschäden? Mein Gott, es geht ums große Ganze. Und so wird gnadenlos vom Thron gestoßen, wer sich daneben benommen hat. Lieber einer mehr im Staub, auch wenn keine Straftat, kein Vergehen gegen Schutzbefohlene, kein Missbrauch im eigentlichen Sinn vorliegt, soweit man bis heute weiß. Aber ein Leben wird dennoch zerstört, wenn das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.

"Aber verehrte hohe Herren: Mit drei 'Vaterunser' und sechs 'Gegrüßet seist du Maria' ist es nicht getan."Otto Höffmann

Der Münsteraner Dompropst aus dem Landkreis Cloppenburg wird öffentlichkeitswirksam als Erster geopfert. Er steht als Missbraucher, Schänder und Straftäter auf übelste Weise am Pranger und darf untertänigst um Beurlaubung bitten. Ein Bauernopfer scheint es, bestens geeignet als Ablenkung. Man kann nur hoffen, dass seine hochbetagte Mutter in Bösel von ihrem Umfeld geschützt wird. Sämtliche Akten an die Staatsanwaltschaft Münster, lautet die kirchenobere Weisung, um Himmels Willen nichts vertuschen. Wir tun alles, was wir können, ohne Rücksicht auf Verluste.

Doch der Staatsanwalt schickt postwendend den Akt zurück: keine Straftat, nichts für uns. Sauferei im Priesterseminar. Hätte früher kein Hahn nach gekräht. Der Pfarrer aus Lindern findet sich ebenfalls wieder im Strudel der Missbrauchsfälle. Noch gerade von seiner früheren Gemeinde feierlich und bedauernd verabschiedet, darf er jetzt gnädigst auch um Dauerurlaub bitten. Er soll eine einvernehmliche Beziehung zu einer erwachsenen Frau gehabt haben. Mehr als 10 Jahre soll das her und lang beendet sein. Weder straffällig noch strafwürdig. Aber in diesen Zeiten werden auch lässliche Sünden als Todsünden behandelt und geahndet. Kein Pardon.

Sie beide mögen sich daneben benommen haben. Sie mögen gegen die kirchenrechtlichen Regeln verstoßen und den Zölibat verletzt haben. Sie mögen ihren vor Gott gegebenen Eid gebrochen haben. Sollen sie tat- und schuldangemessen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber sie sind keine Kinderschänder, keine Schwerverbrecher. Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ohne die Leiden der minderjährigen Missbrauchsopfer in irgendeiner Weise kleinreden zu wollen: Beide Gottesmänner zahlen einen hohen Preis für das schlechte Gewissen ihrer Kirche. So viel Unbarmherzigkeit, so wenig Fürsorge, so viel Gnadenlosigkeit und so wenig Nächstenliebe haben sie nach allem, was wir wissen, nicht verdient.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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