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Silence is golden

Kolumne: Das ganz normale Leben – Auf dem Land ist alles besser. Das suggerieren zumindest gewisse TV-Dokus. Doch die scheinbare Idylle wirft Fragen auf.

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Wenn der Kalender überquillt, die Nacht schon um vier hereinbricht und der Mensch die Vorteile deutscher Wollsocken reflektiert, dann haben wir Novemberdezember. Das ist sonst die friedliche Zeit des Jahres, in der man täglich 13 Stunden im arbeitsplatzigen Steinbruch verharrt, pro Woche sechs Abendtermine zu bewältigen hat und wie toll von einem Meeting ins andere stolpert, dies Jahr in 2G, mit Maske, nach Vorlage der Impfausweise, getestet, gebeutelt, genervt. Das 320-Seiten-Projekt muss noch eben fertig, die Ehrenämter wollen vor allem in dieser Saison gepflegt sein, und die Sitzungen des ruhmreichen e.V. müssen pandemiegeschüttelt alle auf einmal nachgeholt werden.

Gehe hin, schlage Holz und sammle Eicheln, wofür auch immer

Am Mittwoch nun, so um die 22. Stunde, ich lag mit Ananastorte auf der Chaiselongue und grämte mich über schmallippige Impfverweigerer, da sendete der NDR einen erbaulichen Streifen aus dem Genre der Auf-dem-Land-ist-alles-besser-TV-Dokus. Darin buken die Frauen ständig Apfelkuchen, die Kinder rissen Weihnachtssterne aus Blattgold, die Männer sägten Gartentore. Der Nachbar erschien mit Cordhut, hobelte die Kanten und schnitzte spontan einen Nussknacker, die Schwiegertochter griff zur Flöte und blies ein Menuett. Von Corona ahnte zum Drehzeitpunkt im Spätherbst 2017 noch kein Mensch was. Fette Zeiten.

Phantastische Kamerafahrten über die Giebel atemberaubender Artlandkotten und schläfrige Musik kündeten dabei zwischen den Zeilen von einer filmischen Botschaft, die mir den Rest gab: Du machst alles falsch, du arbeitest zu viel, du lässt dich zu schnell in Terminkorsette schnüren und solltest öfter deine Frau küssen. Gehe hin, schlage Holz und sammle Eicheln, wofür auch immer. Nimm dir Zeit und nicht das Leben. Silence is golden!

Nun hört man solchen Rat ganz gern. Bäume fällen, pausenlos irgendwelche Kerzen anzünden, mit dem alten Leiterwagen Milchkannen holen, wer täte sowas nicht gern? Allein, es tun sich Fragen auf: Müssen diese Leute nie arbeiten? Haben sie außer Hobbys nichts zu tun? Wovon existieren sie, wer nährt sie? Leben sie von den Früchten des Waldes, sammeln sie jeden Freitag Pilze?

Nach der Ausstrahlung beschloss ich, mein Leben zu ändern

Nach der Ausstrahlung beschloss ich, mein Leben zu ändern. Dafür ist zwar zur Stunde kaum Zeit, aber der nächste Wie-auch-immer-Lockdown lauert ja schon am Horizont. Und dann werde ich dem hektischen Novemberdezember wieder hinterhertrauern. Es ist zum Heulen.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage. Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der OV.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de

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