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Sie geben Kindern von Suchtfamilien eine Stimme

Sucht- und Erziehungsberater aus Vechta nutzen die aktuelle Aktionswoche zur Präventionsarbeit. Ganz wichtig sind Vertrauenspersonen und Informationsangebote.

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Der Elch und die Handpuppen dürfen nicht in die Schule: Die Sucht- und Erziehungsberater Christian Caselitz, Bettina Albrecht und Ursula Lanfermann (von links) können ihr Präventionsprojekt wegen der Pandemie zurzeit nicht durchführen. Foto: Speckmann

Der Elch und die Handpuppen dürfen nicht in die Schule: Die Sucht- und Erziehungsberater Christian Caselitz, Bettina Albrecht und Ursula Lanfermann (von links) können ihr Präventionsprojekt wegen der Pandemie zurzeit nicht durchführen. Foto: Speckmann

Die Mitarbeiter der Sucht- und Erziehungsberatungsstellen in Vechta gehen jedes Jahr in einer Aktionswoche in Grundschulen, um Präventionsarbeit zu leisten. Sie setzen auf das Projekt "Der Elch im Wohnzimmer". Dabei handelt es sich um ein improvisiertes Theaterstück, das den Schülern auf spielerische Art und Weise näher bringt, wie der Alltag in einer Familie mit einer Suchtproblematik aussieht und welche unterschiedlichen Rollen gerade auch die Kinder einnehmen.

Anlässlich der "Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien" gibt es in diesen Tagen verschiedene Angebote in ganz Deutschland. Doch der selbst gebastelte Elch mit seinem Schaufelgeweih muss zuhause bleiben. Aufgrund der Corona-Pandemie kann das Beratungsteam nicht in die Schulen gehen. Es muss nach anderen Wegen suchen, um die Menschen über Alkoholismus und andere Suchtformen aufzuklären.

"Wir sind besorgt, denn wir müssen davon ausgehen, dass die Pandemie und ihre Folgeerscheinungen die Belastung von Kindern, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen, eher verstärkt hat."Diplom-Sozialpädagogin Bettina Albrecht

Diplom-Sozialpädagogin Bettina Albrecht bedauert die Absage des Programms, denn nach ihrer Auffassung wäre es in diesen Zeiten umso wichtiger, ein solches Projekt durchzuführen, um Kindern von Suchtfamilien eine Stimme zu geben. "Wir sind besorgt, denn wir müssen davon ausgehen, dass die Pandemie und ihre Folgeerscheinungen die Belastung von Kindern, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen, eher verstärkt hat."

Die Leiterin der Suchtberatungsstelle des "Katholischen Vereins für soziale Dienste Vechta" (SKM) kann zwar noch keine belastbaren Zahlen vorweisen, aber sie ist davon überzeugt, dass vor allem der zweite Lockdown seine Spuren in der Gesellschaft und somit in der örtlichen Beratungsarbeit hinterlassen wird: "Wir werden hier einen Zulauf bekommen, gerade auch von Angehörigen."

"Die eigentlichen Auswirkungen der Pandemie werden wir erst in zwei oder drei Jahren spüren", vermutet Suchtberater Christian Caselitz. Die Probleme würden sich im Laufe der Zeit manifestieren, sei es in der Alkohol- oder auch in der Spielsucht, die durch die Kontaktbeschränkungen ebenfalls zunehme. Für Menschen, die ohnehin schon auf der Kippe stünden, sei die Pandemie noch gefährlicher. Dabei darf das familiäre Umfeld nicht außer Acht gelassen werden.

Mehr als 2,6 Millionen Kinder leiden wegen Eltern

Laut Ursula Lanfermann von der Erziehungsberatungsstelle des Caritas-Sozialwerkes in Vechta gibt es in Deutschland mehr als 2,6 Millionen Kinder, die unter einem Suchtproblem ihrer Eltern leiden. Im Durchschnitt komme jedes sechste Kind aus einer Familie, in der Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit herrsche.

Was Lanfermann an der Statistik positiv überrascht, ist, dass ein Drittel der Kinder gesund aus der Situation hervorgeht. Hier stellt sich die Frage, was ihnen geholfen hat. "Zwei Dinge sind wichtig", sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Erstens: Die Kinder brauchen eine verlässliche Person, der sie vertrauen können. Zweitens: Es ist ein Informationsangebot nötig, um die Resilienz der Kinder zu stärken.

Suchtkranke Eltern würden oft glauben, dass ihr Problem nicht wahrgenommen werde, berichten die Mitarbeiter der Beratungsstellen. Aber Kinder hätten ganz feine Antennen. Ihnen falle es jedoch schwer, über die schwierige Situation in der Familien zu sprechen. Sie würden dann häufig Ausreden erfinden. Doch das sei falsch. Es müsse darum gehen, solche Tabu-Themen aufzubrechen.

Vertraute Person im Umfeld ist wichtig

"Kinder suchtkranker Eltern brauchen Zuwendung von vertrauenswürdigen Erwachsenen außerhalb ihrer Kernfamilie", so die einhellige Meinung der Experten. Solche Personen könnten beispielsweise Oma oder Opa, Tante oder Onkel sein. Auch Lehrer, Erzieher, Ärzte, Sporttrainer oder Sozialarbeiter würden sich als Ansprechpartner für den Nachwuchs anbieten.

Caselitz schildert den Fall eines 13-jährigen Schülers, der plötzlich häufiger im Unterricht gefehlt und in den Leistungen nachgelassen habe. Ein Lehrer habe die Veränderungen beobachtet und gehandelt. In einem vertrauten Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin sei herausgekommen, dass ein Elternteil alkoholabhängig sei. Sie habe Kontakt zur Beratungsstelle aufgenommen, wo der Junge nähere Informationen erhielt, um mit der Situation besser umgehen zu können.

"Kinder können nichts dafür und es auch nicht verhindern, dass ihre Eltern süchtig sind."Diplom-Sozialpädagogin Ursula Lanfermann

"Kinder können nichts dafür und es auch nicht verhindern, dass ihre Eltern süchtig sind", unterstreicht Lanfermann. Darum werde den jungen Menschen in den Beratungsgesprächen auch vermittelt, dass sie das Recht hätten, sich um sich selbst kümmern und ein zufriedenes Leben führen zu dürfen. Allein diese Aussage einmal gehört zu haben, könne schon einen Unterschied machen.

Das Theaterstück mit dem Elch und den dazugehörigen Handpuppen ist für die Sucht- und Erziehungsberater eine gute Möglichkeit, die Kinder direkt anzusprechen und aufzuklären. Sofern es die Pandemie zulässt, sollen die Besuche in den dritten Klassen nachgeholt werden. Unabhängig davon sind die Beratungsstellen auch in der Krisenzeit für alle Ratsuchenden erreichbar.

  • Info: Auskünfte und Hilfestellungen für Kinder aus Suchtfamilien gibt es in der Suchtberatungsstelle (Tel. 04441/6533) und Erziehungsberatungsstelle (Tel. 04441/8707690) sowie hier.

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