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Showdown auf dem Markusplatz im Maßstab 1 : 87

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Wenn einem die reale Welt immer unwirklicher vorkommt, verschafft die Virtualität Ablenkung. Im Miniaturwunderland in Hamburg etwa bahnt sich da Großes an.

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Als virtueller Laie torkele ich heute durch eine reale Welt, die mir immer unwirklicher und unwirtlicher vorkommt. Das liegt nicht nur an Corona, sondern auch an so manchen Erscheinungen, die sich meinem Verstand nicht mehr erschließen. Man kann und darf zwar so manches in unserem freiheitlichen Staat mit gutem Recht kritisieren und dagegen friedlich auf die Straße gehen. Aber die eigene miesepetrige Befindlichkeit zur allgemeinen Richtschnur zu erheben, dies über die Netzwerke hinauszublasen und auch im Rahmen angeblicher "Spaziergänge" alle anzugreifen, die auch nur ansatzweise anders denken, das ist schlicht kriminell. Wer so etwas verharmlosend als "querdenken" bezeichnet, tut unserer Demokratie keinen guten Dienst. So viel zur Realität.

Idylle und pulsierendes Leben in eingefrorenen Szenen

Widmen wir uns heute der Virtualität. Wobei, mal in aller Ruhe betrachtet, beides schon fast ineinander zu verschwimmen scheint. Gucken wir auf das Miniaturwunderland in Hamburg. Sie kennen das. Es ist die Welt in ganz klein. Auf eine Größe von 1 : 87 geschrumpft. Der Traum eines jeden Kindes oder jung gebliebenen Träumers von einer Wirklichkeit, in der die Züge pünktlich kommen, die Straßen und Häuser adrett aussehen und selbst die Nachbildung eines Großbrandes samt Feuerwehr, Rettungsdiensteinsatz und Wattequalm septisch sauber daherkommt. Nicht nur Idylle, weil auch hier in gewisser Weise das Leben pulsiert; nur eben in den meisten Szenen eingefroren.

Denkste. Denn die Miniaturiker basteln fürs laufende Jahr an einer kleinen Sensation. Sie heißt YULLBE und ist im Europapark Rust bereits zu erleben. Vereinfacht gesagt: Der Besucher oder eine kleine Gruppe von Besucherinnen kaum sich quasi in Szenen der "Erlebniswelt" hineinbeamen. Das funktioniert nun nicht wie weiland beim "Raumschiff Enterprise", sondern hat mit sogenannten Virtual-Reality-Brillen zu tun. Man setzt sie auf – und steht plötzlich mitten drin im Wunderlandgeschehen. Wandelt, so soll es möglich werden, als virtuelle Figur in 1:87 über den Modell-Markusplatz von Venedig.

"Denn die Virtualität kann die Realität nicht ersetzen. Ein Spiel ist niemals die Wirklichkeit."Andreas Kathe, Kolumnist

Huihui, was das für Fantasien freisetzt. Da scheucht man – oder vielmehr das virtuelle Double – ein paar Tauben auf, entert die nächste Gondel oder kickt einen Original-Modellfigur-Venezianer mal eben in den Canal Grande. Wobei – wo endet eigentlich die Verknüpfung zwischen virtuellem Dasein und Wunderwelt-Realität?

"Du spinnst", sagt die beste Ehefrau von allen mit dem ihr eigenen liebevollen Unterton. Zu Recht. Denn die Virtualität kann die Realität nicht ersetzen. Ein Spiel ist niemals die Wirklichkeit. So wie wir in einem Wunderland sicherlich auch nicht ein Miniaturkrankenhaus betreten, um zu sehen, wie Pflegerinnen und Ärztinnen sich aktiv um einen Corona-Kranken bemühen. So etwas bietet uns keine virtuelle Brille, sondern die Wirklichkeit. Da ist zuallerletzt kein Patz für Befindlichkeiten.


Zur Person

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage. Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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