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Sexuelle Handlungen unter "Freundschaft Plus"

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Was alles in einem Jugendgerichtsprozess passieren kann, überrascht selbst erfahrene Gerichtsreporter, Staatsanwälte und die Gerichte an sich.

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Man lernt nie aus, weder als Gerichtsreporter, noch als Staatsanwältin, geschweige denn als Jugendschöffengericht des Amtsgerichtes Vechta. Das wurde in dieser Woche mehr als deutlich. Gleich zu Beginn des Verfahrens wurden die Beteiligten durch die Strafverteidigerin Katharina Theuerkaufer aus Stolzenau belehrt und mit „Freundschaft Plus“ konfrontiert. Sie habe das in ihrer Jugend zwar auch noch nicht gekannt, heute aber gebe es das. Angeklagt war ein 20-jähriger Vechtaer wegen sexueller Nötigung oder gar mehr, heraus kam ein Freispruch.

Die Staatsanwältin verlas die Anklage und erklärte, am 31. August 2021 habe der Angeklagte sexuelle Handlungen an einer 18-jährigen Frau vorgenommen. Er habe das Opfer an verschiedenen Stellen intim berührt, sie küssen wollen und einiges andere mehr. Ich will das an dieser Stelle nicht vertiefen. Es handele sich zwar nicht um ein Verbrechen, aber immerhin um sexuelle Nötigung.

"Man habe sich dann getrennt und eine ,Freundschaft Plus' gebildet. Das bedeute, dass man sich treffe und auch sexuelle Beziehungen habe."Klaus Esslinger

Der Angeklagte ließ seine Verteidigerin sprechen. Die vorgetragenen Handlungen hätten stattgefunden, seien aber nicht strafbar, so die Verteidigerin. Der Angeklagte habe einen Monat lang eine Beziehung mit der 18-Jährigen gehabt. Man habe sich dann getrennt und eine „Freundschaft Plus“ gebildet. Das bedeute, dass man sich treffe und auch sexuelle Beziehungen habe. Das habe man gemeinsam vereinbart. Der Angeklagte habe sich öfter mit der „Ex“ getroffen. Er habe sie mit dem Auto abgeholt, man sei zu nicht befahrenen Stellen gefahren und habe Sex miteinander gehabt. Das sei auch am Tattag so geplant gewesen. Der Angeklagte habe die Ex-Freundin an den verschiedensten Stellen berührt, auch einmal im intimen Bereich, das habe zur „Freundschaft Plus“ gehört.

Die Zeugin erklärte, das sei zwar richtig, an dem besagten Tag habe sie aber mehrfach die Hand des Angeklagten beiseite geschoben, und schon vorab habe sie schriftlich per Chat erklärt, sie wolle bei dem Treffen keinen Geschlechtsverkehr. Man sei zu einer nicht befahrenen Stelle unter einer Brücke gefahren, wie man es zuvor öfter getan habe. Nach den Berührungen sei man ausgestiegen, und es sei die Frage aufgekommen, ob man sich auf den Hintersitz des Autos begebe, wie man es oft gemacht habe. In dem Moment sei ihr „neuer“ Freund aufgetaucht.

Was ist bei sexuellen Handlungen Nötigung?

Der habe eine Vereinbarung mit der 18-Jährigen, dass man die gegenseitigen Standorte per App auf dem Handy angezeigt bekomme, so berichtete die Verteidigerin. Der „Neue“ habe schon vorher Bedenken in der Beziehung gehabt und sei dem Paar gefolgt, wurde erklärt. Das wiederum habe bei der jungen Frau zu einer Anzeige wegen sexueller Nötigung geführt, so die Verteidigerin. Dem stimmte die Zeugin zwar nicht zu, widersprach dem aber auch nicht. Der „Neue“ war als Zeuge geladen, musste nach übereinstimmender Auffassung der Beteiligten aber nicht aussagen.

Im weiteren Verlauf der Verhandlung belehrte die Verteidigerin das Gericht und die Staatsanwältin über Urteile von höheren Gerichten, was bei sexuellen Handlungen Nötigung sei und was nicht. Das Verhalten des Angeklagten am Tattag sei auf jeden Fall nicht strafbar gewesen.

Die Anklagevertreterin forderte Freispruch, die Verteidigerin stimmte dem zu, und schließlich kam auch das Schöffengericht zum gleichen Schluss. Die Richterin führte in ihrer Urteilsbegründung aus, dass die Anzeigeerstatterin nicht deutlich genug ihren Willen zur Kenntnis gebracht habe. Beim Aussteigen aus dem Auto sei sie ja noch auf den Angeklagten zugegangen, man habe sich umarmt, und sie habe sich noch mit dem dazu gekommenen „neuen Freund“ gestritten. Mit dem sei sie schließlich weggefahren, das habe sie aber nicht so richtig wollen.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de.

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