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Schulleiterin: "Lebenswelt passt nicht zum starren Schulablauf"

Laut einer groß angelegten Umfrage halten viele Schulleiter die Schule von heute für nicht zukunftsfähig. Ein Befund, der auch in der Region geteilt wird.

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Nicht zeitgemäß: Eine Umfrage unter Schulleitern fördert wenig Schmeichelhaftes über den Schulunterricht zutage. Auch Schulleitungen der Region wünschen sich Veränderungen. Symbolfoto: Uli Deck/dpa

Nicht zeitgemäß: Eine Umfrage unter Schulleitern fördert wenig Schmeichelhaftes über den Schulunterricht zutage. Auch Schulleitungen der Region wünschen sich Veränderungen. Symbolfoto: Uli Deck/dpa

So richtig zufrieden sind Deutschlands Schulleiter mit dem Zustand und dem Angebot der Bildungseinrichtungen nicht. Sie kritisieren den Fächerkanon und die Stundenpläne, wünschen sich mehr Ganztagsschulen, andere Unterrichtsformen sowie mehr Kompetenzvermittlung und individuelle Fördermöglichkeiten. Das hat eine groß angelegte Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie ergeben. Für Schulleiterinnen und -leiter im Nordkreis Cloppenburg ist das Ergebnis keine Überraschung. 

"Dass wir so nicht weitermachen können, ist jedem klar", sagt etwa Anita kl. Schlarmann, die Leiterin der Ludgeri-Schule in Friesoythe. "Vieles passt nicht mehr, aber vieles hat sich auch schon geändert." Wo das Problem konkret liegt, beschreibt Dorothea Kuhlmann-Arends, Leiterin der Oberschule in Bösel. "Die Arbeits- und Lebenswelt passen nicht mehr zu dem starren Schulablauf", erläutert sie. Die Schule, so ihre Forderung, müsse sich öffnen, stärker auf die völlig veränderte Arbeitswelt der Erwachsenen eingehen und das auch im Fächerkanon berücksichtigen. "Wir unterrichten wir vor 200 Jahren", kritisiert sie.

„Es würde den Kindern nicht schaden, wenn man sie so lebensnah wie möglich unterrichtet.“Rasmus Braun, Schulleiter

Ihre Idealvorstellung ist es, Themen in Projekten zu bündeln und daran mehrere Fächer gleichzeitig zu beteiligen. "Beim Thema Energie etwa kann man Deutsch, Mathe, Physik und sogar Werken integrieren", sagt sie. "Oder man bearbeitet das Projekt 'mit 20 Euro von Bösel nach Berlin', da muss man rechnen, organisieren, planen und erwirbt so Kompetenzen für später." Mit solchen Ideen steht sie nicht allein, 51 Prozent der 1116 in der Studie befragten Schulleitungen sprechen sich für mehr projektbasiertes Lernen aus, 93 Prozent wünschen sich sogar, dass im Unterricht mehr Lebenskompetenzen vermittelt werden.

Auch Rasmus Braun, Leiter der Oberschule Altenoythe, weist auf die Bedeutung fächerübergreifender Kenntnisse hin. "Es würde den Kindern nicht schaden, wenn man sie so lebensnah wie möglich unterrichtet", sagt er. "Sie sollten beispielsweise einen Handyvertrag lesen und verstehen können". Doch schon der Vorbereitungsdienst der angehenden Lehrer habe, so Kuhlmann-Arends, mit der Berufswirklichkeit wenig zu tun. "Die Freude, etwas gemeinsam zu machen, hat in dem System keinen Platz", urteilt sie. 

Chancengleichheit als eine der zentralen Aufgaben der Schule

Kompetenzvermittlung komme allerdings, betont Anita kl. Schlarmann, ohne einen Grundstock an Wissen nicht aus. "Bevor ich eine Statistik auswerten kann, muss ich die Zahlen kennen und rechnen können", sagt sie. Und da sei Schule gefordert, müsse auf die unterschiedlichen Lerntempi und Lernvorlieben der Kinder und Jugendlichen eingehen. „Man kann nicht jeden Schüler individuell optimal fördern", sagt sie mit Blick auf die dünne Personaldecke. "Aber man sollte versuchen, jeden Schülertyp unterschiedlich anzusprechen.“ Die Grundschulleiterin liegt damit ganz auf der Linie der Kollegen in der Studie. Die sehen zu 97 Prozent die Ermöglichung von Chancengleichheit als eine zentrale Aufgabe von Schule an.

Das aber sei schon deshalb schwer zu realisieren, weil sich die Basis, die den Kindern von zu Hause mitgegeben wird, von Schülerin zu Schüler stark unterscheiden könne, sagt kl. Schlarmann. "Da geht die Schere sehr weit auseinander, vielen fehlt jede Basis, andere akzeptieren keine Regeln." Auch Braun weist darauf hin, dass sich in diesem Bereich sehr viel geändert habe. "Früher hatten die Eltern sicher mehr Zeit, mit den Kindern zu spielen, zu lesen und zu lernen", sagt er. Das habe beispielsweise zu einem sprachlichen Niveau geführt, das heute fehle.

"Wir als Schule müssen mit der Situation umgehen", sagt Braun und wünscht sich mehr Ganztagsschulen, mehr Sportangebote, bessere Gruppenräume und vor allem eine andere, bessere personelle Ausstattung. "Letztlich muss der Staat klären, was sein soll", sagt er. Kuhlmann-Arends baut bei dem Versuch, Schule zeitgerecht zu machen, zudem auf Ideen und Engagement vieler Lehrkräfte und auf reformfreudige Eltern. An den Schülern, da ist sie sich sicher, würden andere Unterrichtsformen nicht scheitern. "Die Schüler", sagt sie, "finden alles, was sich am tristen Schulalltag ändert, super."

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