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Schülerin forscht über die Nachkriegszeit in der Gemeinde Holdorf

Anna Beckermanns Großvater wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben und fand in Holdorf ein neues Zuhause. 18 Zeitzeugen helfen ihr dabei, die Geschichte Holdorfs zu rekonstruieren.

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Zeigt ihre Facharbeit und ihre Urkunde zum Schülerpreis 2021: die 19-jährige Schülerin Anna Beckermann aus Holdorf. Foto: Bernhardt

Zeigt ihre Facharbeit und ihre Urkunde zum Schülerpreis 2021: die 19-jährige Schülerin Anna Beckermann aus Holdorf. Foto: Bernhardt

"Mein Großvater wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus seiner Heimat in Preußen vertrieben. Er fand hier in der Gemeinde Holdorf ein neues Zuhause", berichtet Anna Beckermann. Die 19-jährige angehende Abiturientin beschäftigte sich bei ihrer Facharbeit am Gymnasium Damme mit dem Titel "Die Aufnahme von Heimatvertriebenen im Rahmen des Zweiten Weltkriegs in Holdorf – ein Beispiel für gelungene Integration?" intensiv mit ihrer Familienchronik und der Geschichte der Gemeinde. Bei ihrer Forschung befragte sie insgesamt 18 Zeitzeugen aus verschiedenen Ortsteilen in Holdorf. Dabei lernte sie nicht nur die Geschichte der Region besser kennen, sondern auch die Menschen mit ihren emotionalen Geschichten, berichtet Beckermann. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Hunderttausende Deutsche aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches vertrieben. Davon sollten 1165 Flüchtlinge und Vertriebene auch in das ländlich geprägte Holdorf mit seinen damals 2255 Einwohnern integriert werden. Dies führte zu einer Herausforderungen für beide Seite, berichtet die Schülerin. Denn: Die Bedingungen der Nachkriegszeit bildeten eine schwierige Grundlage für die Integration. Es herrschten Wohnungsnot, Lebensmittel- und Güterknappheit, Kriegsschäden und eine schwierige wirtschaftliche Lage, schreibt die 19-Jährige. 

11 Stunden lang interviewte die 19-Jährige die Zeitzeugen

Ihre Informationen sammelte Beckermann größtenteils aus der Holdorfer Gemeindechronik und aus den Gesprächen mit den Zeitzeugen. 11 Stunden lang habe die Abiturientin damit verbracht, sich die oft bewegenden Geschichten der Befragten anzuhören. "Das Schwierigste war für mich, zu entscheiden, was ich in die Arbeit mit reinnehmen kann – und was nicht." Die Längenvorgabe lag bei 15 Seiten. Doch: "Es waren so viele interessante Geschichten, ich hätte darüber ein Buch schreiben können", sagt die Holdorferin. 

Die Zeitzeugen erzählten ihr prägende Erinnerungen von Krieg, Flucht und Vertreibung, die noch lange nachwirkten und so ein emotionales Zur-Ruhe-Kommen erschwerten, erzählt Anna Beckermann. In ihrer Arbeit heißt es: "So sagte Frau H. über ihre Mutter: 'Ihr ganzes Leben hatte sie den Kopf immer da voll von.' Sie musste beispielsweise alle Kinder einzeln durch einen Fluss tragen, da man an der Brücke erschossen wurde. Zudem verhungerte ihre jüngste Tochter auf dem langen Fußweg." 

Auch das Verhältnis zu den Einheimischen sei zunächst angespannt gewesen, da einige von ihnen Vorurteile hatten. Einer der Gründe dafür war der hohe Anteil von Protestanten unter den Vertriebenen, weil die meisten Holdorfer katholisch waren. Es gab jedoch auch aufgeschlossene und hilfsbereite Einheimische, berichtet Beckermann. Mit der Zeit verbesserte sich aber die Situation der Vertriebenen durch Maßnahmen der Gemeinde und Nachbarschaftshilfen.

Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Schülerpreis 2021 ausgezeichnet

"Auf die Frage nach einem Fazit zur Integration antworteten mir die befragten Einheimischen einheitlich, dass sie gelungen sei, und betonten den positiven Aspekt der gleichen Sprache", erzählt die Schülerin. Dies sei ein wichtiger Faktor für die Integration gewesen. Auch alle Vertriebenen beschrieben laut Beckermann die Integration in Holdorf langfristig gesehen als gelungen. 

5 Wochen hat die Abiturientin an ihrer Arbeit geschrieben. "Das war schon eine sehr stressige Zeit. Aber es hat mir trotzdem sehr viel Spaß bereitet." Wichtig sei ihr, dass das Thema nicht in Vergessenheit gerät. Denn: "Trotz der schwierigen Bedingungen hat die Integration funktioniert." Dies zeige laut Beckermann, dass besonders in unserer heutigen Zeit mehr Verständnis für geflüchtete Menschen aufgebracht werden sollte.

Für ihre Arbeit wurde die 19-jährige Schülerin schließlich nicht nur mit der Bestnote bewertet, sondern erhielt am Münsterlandtag auch den Schülerpreis 2021 vom Heimatbund Oldenburger Münsterland. 

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