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Schnaps, Sitten und Turnvater Jahn: Heimatforscher durchleuchten das Vereinsleben

Der Geschichtsausschuss des Heimatbunds für das Oldenburger Münsterland geht der Entwicklung des Vereinswesens auf den Grund. Die Kirche mischte oft mit – bei der Gründung oder als Gegenspieler.

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Auf den Spuren der Vereinsgeschichten: In Stapelfeld begrüßte Heimatbund-Vizepräsident Heiner Thölke (rechts) Referenten und Studientag-Planer (von links) Wolfgang Imsiecke, Michael Hirschfeld, Sabrina Tabeling und Peter Stelter. Foto: Kathe

Auf den Spuren der Vereinsgeschichten: In Stapelfeld begrüßte Heimatbund-Vizepräsident Heiner Thölke (rechts) Referenten und Studientag-Planer (von links) Wolfgang Imsiecke, Michael Hirschfeld, Sabrina Tabeling und Peter Stelter. Foto: Kathe

Der Heimatbund für das Oldenburger Münsterland hat das heimische Vereinswesen und seine Geschichte ins Zentrum eines Studientags in der Katholischen Akademie Stapelfeld gestellt. Die Verantwortlichen des Geschichtsausschusses, Professor Dr. Michael Hirschfeld und Peter Stelter, hatten Forschende eingeladen, ihre bisherigen Ergebnisse vorzustellen.

5 Vorträge gab es: Welche Vereine haben sich wann entwickelt, was waren ihre Zielsetzungen, wie war die Mitgliedschaft strukturiert? Fragen, denen sich in der Katholischen Akademie Stapelfeld folgende Referenten stellten: Sabrina Tabeling aus Bakum zur "Gründung der Sportvereine bis zur NS-Zeit", Wolfgang Imsiecke aus Cloppenburg zur "Geschichte des Feuerwehrwesens am Beispiel der Cloppenburger Feuerwehr", Dr. Jürgen Kessel aus Damme zum "Dammer Mäßigkeitsverein von 1842", Bernd Buttjer aus Marienhafe zur Entwicklung der "Katholischen Arbeitervereine" und Michael Hirschfeld zum "Volksverein für das katholische Deutschland".

Geistliche kämpfen gegen Branntweinkonsum

Ein interessanter Aspekt für die Heimatforscher war in fast allen Vorträgen die Rolle der katholischen Kirche: Beim Mäßigkeitsverein, der von 1842 bis 1848 in Damme bestand, ging die Initiative eindeutig von kirchlicher Seite aus; Kaplan Johann Matthias Seling aus Osnabrück war die treibende Kraft, Geistliche und Honoratioren bildeten vor Ort die Spitze des Vereins, dem in Hochzeiten fast 1000 Mitglieder angehörten. Zielrichtung war die Bekämpfung des übermäßigen Branntweinkonsums und des damit verbunden sittlichen Verfalls – in allen Bevölkerungsschichten.

"Es ging nicht um ein komplettes Alkoholverbot", erklärte Kessel. "Wein und Bier waren als Ersatz in Ordnung." Doch sollte vor allem auch die Jugend vor den Gefahren durch Alkohol geschützt werden. Zeitweise hatte die Initiative Erfolg, letztlich konnte der Branntweinmissbrauch aber nicht beseitigt werden: "Es gab auch keine Verbesserung der ja insgesamt vorhandenen sozialen Schieflage."

Kirche hält wenig von Sportvereinen – und gründet dann selbst einen Verband

Beim Sport, so Sabrina Tabeling, gab es die schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch aus politischen Erwägungen heraus entstandene Turnerbewegung ("Turnvater Jahn") die Anregung zur Gründung eigener Vereine, die im Oldenburger Münsterland aber erst recht spät entstanden. Erste Gründungen gab es in Vechta (1888), Cloppenburg (1892), Lohne (1894), Löningen (1903) und Dinklage (1904). Ausschlaggebend seien wohl auch die aufkommende Industrialisierung und die Umstellungen in der Landwirtschaft gewesen. Viele Arbeiter zählten zu den ersten Mitgliedern, Lehrer agierten als Anleiter bei den Turnübungen. Fußball spielte erst ab etwa 1910 eine Rolle (Lohne: 1. FC Roland).

Und die Kirche? Sie stand dem Treiben zunächst abwartend oder ablehnend gegenüber, sah das Auftreten der Sportler in freizügiger Kleidung eher kritisch und befürchtete eine Beeinträchtigung des sonntäglichen Gottesdienstgebotes. In Höltinghausen versuchte ein Vikar sogar, den Eltern zu verbieten, ihre Kinder zum Sportverein zu schicken. Mit zunehmender Intensität der Sportvereine vor allem nach dem Ende des Ersten Weltkrieges änderte sich diese Einstellung. Mit dem 1920 in Würzburg gegründeten DJK (Deutsche Jugendkraft) als Dachverband versuchte die Geistlichkeit schließlich selbst Einfluss auf die Sportbewegung zu nehmen. DJK-Vereine bestehen bis heute noch im Oldenburger Münsterland.

Die erste Freiwillige Feuerwehr gab es in Cloppenburg

Praktische Erwägungen führten zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehren. Erste Anstöße zu Einrichtung solcher Wehren gab es in Deutschland bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wolfgang Imsiecke machte deutlich, dass in unserer Region recht lange noch an der alten Einrichtung der Pflichtfeuerwehren festgehalten wurde. Jeder erwachsene Mann einer Kommune gehörte damit zum Feuerlöschtrupp – doch waren diese Leute weder entsprechend geschult noch hatten sie ausreichende Mittel zur Verfügung. Löschgeräte, die es durchaus gab, waren den meist armen Kommunen schlicht zu teuer.

Nach einer Reihe dramatischer Brand-Unglücke wurde 1879 in Cloppenburg die erste Freiwillige Wehr in unserer Region gegründet. Orte wie Essen (1888), Vechta (1890) oder Damme (1891) folgten. Oft waren es Großbrände, die zur Einsicht führten, die Bekämpfung des Feuers speziell geschulten Kräften zu überlassen. Eine interessante Erkenntnis dabei: Oft waren es Turner (Sportvereine), die den Kern der Rettungsmannschaften bildeten; sie mussten rauf aufs Dach, um die Bandherde zu löschen.

Lohne als Vorort für die Entwicklung der Arbeitervereine

Kirchlich und in gewisser Weise zugleich auch politisch ausgerichtet waren zwei Vereinsgründungen, die von Bernd Buttjer aus Marienhafe und Michael Hirschfeld aus Vechta vorgestellt wurden: die Katholischen Arbeitervereine (heute KAB) und der Volksverein für das katholische Deutschland (1890 bis 1933). Buttjer benannte Lohne als den "Vorort für die Entwicklung der Arbeitervereine" in der Region. 1904 erfolgte hier die Gründung mit dem Geistlichen Anton Stegemann als treibende Kraft. Religiöse Themen bestimmten das Vereinsleben, daneben aber auch Kameradschaft und gegenseitige Unterstützung, Bildung und letztlich auch die Vertretung der Arbeiterinteressen, die man nicht allein der Sozialdemokratie überlassen wollte.

10 Vereine wurden nach und nach im Oldenburger Land gegründet, die größten neben Lohne noch in Dinklage, Löningen, Cloppenburg, Friesoythe und Vechta. Geistliche waren jeweils als Präses Vorsitzende, Lehrer übernahmen die Schriftführung (Vizepräses), Vertrauensmänner die Betreuung der Mitglieder in bestimmten Bezirken. Frauen waren in der Frühzeit noch nicht integriert. Das änderte sich erst langsam nach einer Neufassung des Vereinsgesetzes ab 1908.

Konservatives christliches Milieu macht im Verein Politik

Der Volksverein konnte, so Hirschfeld, nach seiner Gründung 1890 relativ schnell in unserer Region Fuß fassen. Nach ersten Aufrufen in der örtlichen Presse konstituierten sich schon ab April 1891 Ortsgruppen, die von Geistlichen, Lehrern und Unternehmern dominiert wurden. Sie sahen sich quasi als "Freiwillige Feuerwehr in der Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie" und waren eng verzahnt mit der vor Ort führenden katholischen Zentrumspartei. Versammlungen des Vereins und der Partei waren oft miteinander abgestimmt, wobei der Volksverein sich auch als vor- und bildungspolitischer Verein sah.

Die Vorträge, die in überarbeiteter Form auch als Buchveröffentlichung erscheinen sollen, zeigten insgesamt auf, wie vielfältig sich vor allem seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert das Vereinswesen entwickelte. Die Gründungen waren dabei oft kirchlich unterlegt, sie waren zugleich Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen – vom Alkoholkonsum über die Brandbekämpfung bis zu sozialen Themen rund um die Entwicklung im Heuerlingswesen und der neu aufkommenden Industriearbeiterschaft.

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