Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Schnapp ihn Dir"

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Irgendwann kann man das fortschreitende Alter nicht mehr negieren. Zur Not helfen externe Hinweisgeber dezent nach.

Artikel teilen:

In grauer Vorzeit hat ein Deutschlehrer mir und vermutlich der gesamten Klasse eingebläut, dass man Briefe und sonstige Schriftstücke nie mit dem Wort "Ich" anfangen soll. Das sei unhöflich, hat er uns erklärt. Seitdem versuche ich, mich an diese Regel zu halten, auch wenn sie in Zeiten der zunehmenden Selbstbezogenheit – Stichwort Selfies – möglicherweise nicht mehr wirklich aktuell ist. Trotzdem bitte ich Sie, verehrte Leserinnen und Leser, zunächst einmal um Verzeihung, dass diese Kolumne diesmal mit "Ich" beginnt. Weil, es ist nämlich so:

Ich werde alt. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Freund meine entsprechende Feststellung schon vor Jahren mit "Das Werden hast Du hinter Dir" konterte, abgesehen auch von seit langem schütter werdendem Haupthaar, knackenden Gelenken und einem nicht mehr ganz so kleinen Bäuchlein, neben all dem also habe ich mein Alt werden jetzt auch schriftlich. Der Ernstfall, so scheint es, ist eingetreten.

Der Beweis ereilte mich vor ein paar Wochen in Form zweier kurz hintereinander eintrudelnden Schreiben unterschiedlicher Finanzinstitute. Tenor in beiden Briefen: Ihre Geldanlage wird 2023 fällig. Nicht dass ich die Policen je aus den Augen verloren hätte, allmonatlich wies der Kontoauszug entsprechende Zahlungen aus. Dass die aber jetzt obsolet werden, dass sogar Geld in umgekehrter Richtung fließen sollte, hatte ich nun wirklich nicht auf dem Schirm.

"Nix da, das Geld ist Altersvorsorge. Und auch Anlageberater möchte ich vor vergeblichen Anrufen bewahren."Heiner Stix

Zu verdanken habe ich den, allerdings doch überschaubaren, Zuwachs auf meinem Konto einem in den frühen 1990er Jahren ganz offensichtlich erfolgreichen Bemühen meiner Bank, am plötzlichen "Reichtum" des damaligen Berufsanfängers teilzuhaben. Wenn man vom Studentendasein in das Angestelltenverhältnis und gut 10 Jahre später in die Selbstständigkeit wechselt, bleibt das einem guten Bankberater natürlich nicht verborgen. Vermutlich ploppt in solchen Fällen ein dezenter Hinweis auf dem Bildschirm des Bankers auf.

Und so wurde ich also in jungen Jahren – in einer Zeit, in der ein gewisser Herr Blüm versuchte, uns mit einem "Die Rente ist sicher" eventuelle Zukunftsängste zu nehmen – Inhaber diverser Altersvorsorge- und Absicherungsprodukte. Warum die ersten davon jetzt bereits fällig werden, entzieht sich meiner Kenntnis. Bis zur Rente sind es dann doch noch ein paar Jahre, aber vermutlich war das Jahr 2023 damals für mich noch so unfassbar weit weg, dass ich mir darüber keine großen Gedanken gemacht habe.

Bevor jetzt aber Werbestrategen versuchen, mich zu übereiltem Konsum zu verführen: Nix da, das Geld ist Altersvorsorge. Und auch Anlageberater möchte ich vor vergeblichen Anrufen bewahren. Ich bin mir nämlich sicher, dass bei der Bank meines Vertrauens in Kürze ein Fenster aufploppt: "Schnapp ihn Dir."


Zur Person:

So verpassen sie nichts mehr. Mit unseren kostenlosen Newslettern informieren wir Sie über das Wichtigste aus dem Oldenburger Münsterland. Jetzt einfach für einen Newsletter anmelden!

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Schnapp ihn Dir" - OM online