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#Schmerzlich – Von christlicher Judenfeindlichkeit

Kolumne: Irgendwas mit # – Beispiele einer Überlieferung, die mit antijüdischen Ressentiments spielt oder diese bewusst verbreitet.

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Das 1. Mal starrte mich der christliche Antijudaismus in Berlin an. Es war im November 2019, ich war privat in der Hauptstadt und besuchte am Christkönigssonntag die Herz-Jesu-Kirche im Prenzlauer Berg.
Ein prächtiger Bau, neoromanisch mit neobyzantinischen Elementen. Es dauerte, bis ich realisierte, dass der prächtige Bau zugleich ein Manifest christlichen Antijudaismus ist. Auf den Vierungspfeilern sind 2 Figuren im Stile des 19. Jahrhunderts zu sehen: weibliche Allegorie für Juden- und Christentum, beschriftet als "Synagoga" und "Ecclesia" – also Synagoge und Kirche.

Zunächst das Judentum: Die Frau steht auf felsigem Grund, kaum ein Pflänzlein wächst. Ihr Kleid ist rot (Schuld?), der Umhang grün (die Farbe des Neids?). Sie hält einen Fahnenbanner mit verblasstem Davidsstern, dessen Lanze gebrochen und abgeknickt ist. Ihre Augen sind verbunden, die Figur mithin blind. Sie verliert das Gleichgewicht, die Krone fällt ihr vom Kopf. In der anderen Hand hält sie ein blutiges Messer, ein lebloses Opfertier liegt auf einem Block.

Demgegenüber die Frau, die das Christentum verkörpert: Fester Stand auf grün sprießendem Grund, unter dem roten Kleid ragt das weiße (Unschuld!) Unterkleid hervor, der Mantel Blau (die Farbe Mariens, der "neuen Eva"). Statt eines Messers hält sie den Abendmahlskelch und ein aufrechtes Banner mit Kreuz an der Spitze. Ein Zeugnis der Judenfeindschaft im 19. Jahrhundert.

"Die Absurdität dieser Aussage erschließt sich dem christlichen Betrachter nicht sofort."Philipp Ebert

Ein anderer Fall sprang mir während der diesjährigen Ostertage vor Augen. Im Text des Johannesevangeliums, der am Karfreitag vorgetragen wurde, ist von Josef aus Arimathäa die Rede. Es heißt, er sei ein Jünger Jesu gewesen, "aber aus Furcht vor den Juden nur im Verborgenen". Die Absurdität dieser Aussage erschließt sich dem christlichen Betrachter nicht sofort: Er hatte natürlich nicht Angst vor "den Juden" – denn er war ja selbst Jude – ebenso wie Petrus und all die Jünger, ebenso wie Jesus selbst! Wovor Josef aus Arimathäa Angst hatte, waren jene mächtigen Pharisäer, welche laut biblischer Überlieferung die Verurteilung Jesu vorangetrieben hatten. Er fürchtete sich vor machtvollen Akteuren des Jerusalemer Tempelkults, nicht vor "den Juden".

Es darf daran erinnert werden: Das Christentum war, zumindest im Ursprung, eine von vielen jüdischen Sekten zur Zeit des Kaiser Augustus. Erst in den Jahrhunderten danach brach es aus diesen heraus und entwickelte sich zunehmend in Opposition zum Judentum. Insofern ist schon der Text des Evangeliums, wiewohl vermutlich nur einige Jahrzehnte nach Jesu Leben entstanden, eine bizarre Verzerrung der Wirklichkeit. Er konstruiert einen Unterschied zwischen Juden und Christen, den es zur Zeit Jesu so gar nicht gab.
Dies sind nur Beispiele einer Überlieferung, die mit antijüdischen Ressentiments spielt oder diese bewusst verbreitet. Christen im 21. Jahrhundert sind gut beraten, dieses zu reflektieren und in ihrem Glauben manch alten Zopf abzuschneiden.

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